Liebe Jung: Betreutes Fußballspielen

Der Liebe Jung ist bekanntlich ein Vereinsmeier. Im nächsten Jahr werden es 30 Jahre Mitgliedschaft beim ruhmreichen Turnerkreis Nippes und beim FC Bayern hat er seit Beginn seiner bayerischen Diaspora keine Jahreshauptversammlung versäumt, inkl. kollektivem Gefühlsausbruch gemeinsam mit Uli Hoeneß!

Dieses Vereinsleben kam in den vergangenen Jahren auf aktiver Ebene zu kurz, aber damit wird es ein Ende haben, denn ab der kommenden Saison ist der Liebe Jung Betreuer bei einer Damenfußballmannschaft! Jawohl!

Aber wie in Dreiherrgottsnamen kommt es zu sowas?!

Nun, man darf sich neuen Dingen nicht verschließen. So wie Marco Polo einst Afrika entdeckte und danach Reitsportarten sowie Modelabels schuf, verschließt sich auch der Liebe Jung keinen Herausforderungen, die Leben und Alltag bereithalten. Das mit dem Frauenfußball ging los, als er mit Anke – ständiges Mitglied seines Fußballquizteams – über ihr (Frauen)fußballteam redete. Anke ist einerseits Co-Trainerin und deckt nebenbei noch im Quizteam den Nischenbereich Carl-Zeiss Jena sowie Frauenfußball ab. Eines Abends also beim Quiz in einer Pause führte der Liebe Jung den üblichen Small Talk und aus purer Langeweile heraus täuschte er Interesse an Ankes Mannschaft vor, als sie die Signale missverstand und erwiderte „Dann komm doch am Sonntag vorbei. Wir haben ein Heimspiel.“. Der Liebe Jung, als Rheinländer höchst geschult in unverbindlichen Antworten und sich-herauslavieren-aus-misslichen-Situationen entgegnete mit einem eindeutigen „Hmmmmnjaaaaamusssmalschauenhmmmkönntevielleichtganzööööööhminteressantkrieg ich noch ein Bier bitte?“

Der Quiz-Abend verging, wieder keine Fragen zu Jena und Frauenfußball, ein solider Platz in der oberen Hälfte und der Sonntag kam. Der Liebe Jung wachte auf, war zufällig nüchtern und fragte sich, was er in dem Zustand mit seinem scheiß Leben anfangen soll. „Ach,… der Frauenkick. Worum eijentlich nit?!“ und so begab es sich, dass der Protagonist unserer Geschichte am Sonntag um 11 Uhr am Rande eines Frauenfußballplatzes stand? Crazy!

Wir alle wissen, der Liebe Jung beherbergt in sich eine große Menge an unnützem Fußballwissen. Zum Beispiel für welchen spanischen Club neben Barcelona Johann Cruyff noch gespielt hat oder wer am 27.5.1987 im Landesmeisterpokalfinale von Wien den Siegtreffer für Porto gegen Bayern markierte (Kögls Kopfball und Madjers Hacke sind Pflichtwissen und beeindrucken heutzutage niemanden mehr über 40). Aber Frauenfußball?! …und wie er da so neben dem Platz stand, kamen ihm einige Fragen in den Sinn, mit denen er – und möglicherweise auch viele Milliarden andere Menschen auf diesem Planten – sich nie beschäftigt haben!

– Dauert ein Frauenfußballspiel eigentlich auch 90 Minuten?

– Warum schießen die nicht mal aus 25m?

– Femininisiert man alle Begriffe und redet von Tabellenführerinnen, Absteigerinnen, Torschützenkönigin, „Hinterfrau!“ und Libera? Und stoppt man beim Frauenfußball den Ball auch mit der Brust oder…nicht?!

– Wenn die Spielführerin ausgewechselt wird, wie übergibt sie dann ihre Binde?

Fragen über Fragen, die dem aufgeschlossenen und gleichzeitig unerfahrenen Betrachter durch den Kopf schossen. Die 90(!) Minuten gingen dabei zügig vorbei und Ankes Team gewann locker flockig mit 4:1.

A: „Du warst ja wirklich hier?!“
LJ: „Ja, natürlich!“
A: „Ich dachte, das interessiert Dich gar nicht und Du tust immer nur so.“
LJ: [künstlich empört] „Na, sicher interessiert mich das, sonst wäre ich ja wohl nicht hier!“
A: „Und, wie hat es Dir gefallen?“
LJ: „War gar nicht mal sooo Scheiße.“
A: „Ja, war einer unserer besseren Auftritte. Wir suchen übrigens einen Betreuer. Der letzte ist kürzlich verstorben. Hast Du Lust?“
LJ: „Ähhhh…. ich? Betreuer?! Frauenfußball?!?“
A: „Du weißt ja ohnehin nichts Besseres mit Deinem scheiß Leben anzufangen, sonst wärst Du wohl nicht hier“
LJ: „Also, das muss man jetzt auch nicht so direkt einem… Woran ist der Betreuer gestorben?“
A: „Hatte nichts mit uns zu tun. Mehr musst Du nicht wissen. Also?!“
LJ: „Äh, kann ich mir das überlegen?“
A: „Ja, aber schnell. Ich weiß nicht, wie lange ich Dir den Platz freihalten kann!“
LJ: „Hmhm, gib mir noch ne Nacht. Ich will darüber schlafen.“
A: „Weil Du’s bist.“

Der Liebe Jung setzte sich gewissenhaft mit dem Thema auseinander, wägte Für und Wider sorgfältig ab hat letztlich dem verzweifelten Hilferuf der Frauenfußballmannschaft nachgegeben.

Um seine Eignung für diese herausfordernde Stelle unter Beweis zu stellen, wurde der Liebe Jung bereits bei einer Handvoll Heimspiele der jüngst abgelaufenen Saison erprobt. Ein komplexes Assessment Center, das Aufgaben bereithielt, wie Schiedsrichterinnen in Empfang nehmen, Ballmädchen instruieren und schauen, ob sie Leibchen anhaben, Trinkflaschen ums Feld legen, der Gastmannschaft die Kabine zuweisen und Eintritt kassieren.

Offensichtlich hat sich der Liebe Jung gar nicht so dämlich angestellt. Anke hielt Wort und den Posten frei, so dass es letztlich zur feierlichen Inthronisierung kommen sollte. Auf Parties ist dies mittlerweile ein gängiges Thema und nicht selten ist die Eröffnung „Ich bin übrigens Betreuer bei einer Damenfußballmannschaft.“ Interessant wird es dann, wenn die Zuhörer fragen:

Was sind eigentlich so die auffälligsten Unterschiede zum Männersport?

Nun, spielerisch führen die Ladies eine feine Klinge. Technisch und taktisch gut geschult fehlt einzig etwas „Schmackes“ im Spiel. Eine Martina Kree hat der Liebe Jung noch nicht gesehen. Es wird meist versucht, den Ball ins Tor zu tragen, so dass es fast an ein Spiel der sowjetischen Eishockeynationalmannschaft aus den 80ern um die Sturmreihe von Krutow-Larionow-Makarow erinnert,… sagen wir „fast“ erinnert. Das bedeutet aber auch, dass es weniger rüde Fouls gibt. Eine Ulrike Borowka ist bislang ebenso unentdeckt geblieben. Wenn es mal etwas ruppiger wird, dann empört sich die Gefoulte durchaus mal mit einem „Männo!“ und abschätzigem Blick zur Übeltäterin. Und wenn es richtig rabiat wird, dann fließen beim Opfer auch schon mal Tränen und es wird hemmungslos losgeplärrt „Das tut so weeeeeh!!!“. Spätestens hier endet übrigens der weit angelegte Verantwortungsbereich des Betreuers.

Insgesamt aber eine angenehme Atmosphäre. Die Damen sind zuvorkommend, kommunikationsstark und verbreiten ein herzlicheres Ambiente, das manche Herrenteams sonst nur von Weihnachtspostkarten kennen. Damit einhergehend aber der womöglich größte Unterschied zwischen Fußball und Frauenfußball: Kritik wird bei den Damen NIEMALS direkt angebracht. Spielt dieselbe Spielerin den dritten Fehlpass hintereinander, dann kommt von der Trainerin ein anspornendes und stets allgemein gehaltenes (1)“So Mädels, jetzt konzentrieren wir uns alle wieder. Auf geht’s!“. Und die nächste Gelegenheit, wo der Ball besagter Spielerin nicht wie eine Kugel im Flipperautomaten wegspringt, wird direkt honoriert mit einem (2)“Bravo Babsi! Ganz toll! Klasse! Weiter so!“. Im normalen Fußball (der Liebe Jung arbeitet mit noch ausbaufähigem Erfolg an der Vermeidung von Sprachchauvinismen) würden die unmissverständlichen Ansagen in Richtung (1)“Was spielst Du für einen Scheiß?! REIß DICH MAL ZUSAMMEN!“ und (2) „Na siehste! Geht doch!“, gehen.

Würde man diese Ansprache bei einem Frauenteam wählen, so wäre ein Großteil der Spielerinnen unweigerlich ein Fall für den Teampsychologen. Eine Position, die im Team übrigens noch vakant ist, aber Anke meinte, sie kann sie noch ne Weile freihalten.

Über die weitere Entwicklung des Frauenfußballs im Allgemeinen und der Karriere vom Lieben Jung im Besonderen werden wir an dieser Stelle ungefragt informieren.

 

 

Wer ist der Liebe Jung?

Der Liebe Jung wurde im Jahre des zweiten deutschen Fußball-WM-Titels geboren.

Den Großteil seines Lebens hat er in Köln verbracht und seit 2011 führt er sein kurzweiliges Jungesellenleben in München weiter, frei nach dem Motto: „Arbeiten – feiern – FC Bayern“.

Wenn er nicht für kickwelt.de schreibt, arbeitet er im Versicherungswesen, um einen Ausgleich zum kreativen Schreiben zu finden.

 

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