Die Republik frisst ihre Helden

Man kann ja darüber streiten, was „Helden“ oder „Legenden“ einer Gesellschaft sind. Jemand, der Frühchen unter Einsatz seines Lebens aus einem brennenden Krankenhaus rettet, gehört sicher in den engeren Kreis. Auch wenn morgen jemand einen Impfstoff gegen Krebs entwickelt, darf er gerne an die Tür zum Club anklopfen und ihm wird vermutlich Einlass gewährt. In der öffentlichen Wahrnehmung gehört aber besonders jemand dazu, wenn er besondere Leistungen erbringt,
– um die man ihn beneidet,
– die er oftmals unter großen körperlichen Anstrengungen oder gar Risiken erbracht hat,
– die einer Gruppe von Menschen große Freunde / Erleichterung / rauschähnliche Zustände bereiten.

Nach dieser Definition könnte für den einen oder anderen auch ein Crackdealer darunter fallen, aber hier geht es nicht darum, eine brockhausgleiche (für die jüngeren Leser: eine Art ausgedrucktes Wikipedia), trennscharfe Definition zu finden, sondern insbesondere die Bandbreite der Begriffseinsatzmöglichkeiten zu umreißen.

In einer von sozialen Medien bestimmten Welt, muss man regelmäßig nach Superlativen greifen, um die gewünschte Aufmerksamkeit zu erzielen, und so wird auch mitunter jemand als Legende bezeichnet, wenn er eine Starkbiermass exxt, und dann noch eine, und dann sogar den Inhalt bei sich behält (Urinieren ist erlaubt!). Und wenn er es unfallfrei und ohne Fremde Hilfe nach Hause schafft, dann kann das etwas Heldenhaftes an sich haben.

Des Deutschen liebstes Printinformationsmedium, die BILD-Zeitung, hat den Titel „Legende“ ganz aktuell und öffentlich jemandem verliehen, wo der Verfasser dieser Zeilen sich dachte: Ja, das ist einer!

Es geht um Thomas „Icke“ Häßler, Weltmeister von 1990 und bester Spieler der EM 1992!

Icke

Nicht viele Spieler werden Fußballweltmeister und wenn, dann sind sie einem Legendenstatus sehr nahe, oder wie Rudi Völler einst sagte: „Weltmeister bist Du Dein Leben lang!“ Wobei er in dem Moment vermutlich nicht gerade Günter Hermann telefoniert hat. Dieser Titel war für die Fußballseele Deutschlands ebenso wichtig wie die Ausrichtung der Heim-WM 2006 und der Titel 2014, Und wenn jemand in fünf von sieben Begegnungen besagter WM auf dem Platz war, dann ist er für ganz viele Menschen seiner Generation eine Legende!

Die BILD-Zeitung verwendet diesen Begriff daher absolut zurecht, aber es wäre nicht die BILD, wenn dahinter nicht auch ein gewisses Kalkül stünde, denn dieser Glorifizierung wird ein Abgesang vorweg geschickt: Das Ende… einer Legende!

Die meisten werden wissen, um was es geht: Das Dschungelcamp. Eine zu Unterhaltungszwecken erdachte Sendung eines Senders, der nur selten das Niveau der BILD erreicht. Menschen, die erniedrigende und entwürdigende Sachen tun und öffentlich zur Schau stellen. Der Zuschauer betrachtet das ganze mit einer Mischung aus Scham, Abscheu und Belustigung, was diesen Menschen angetan wird, wobei die Frage, auf welcher Seite der Mattscheibe das eigentliche Manipulationsobjekt von RTL sitzt, kontrovers diskutiert werden kann.

An dieser Stelle soll jedoch nicht ein Plädoyer der Abschaffung von RTL geführt werden. Mit der Existenz gewisser Apokalyptischer Reiter kann und muss man sich abfinden, das Dschungelcamp in einem Atemzug mit Hungersnot, Krieg und Krankheit zu nennen fällt nicht schwer. Dennoch kann es das geben, genauso wie Menschen, die sich das antun oder anschauen. Was jedoch die eigentliche Tragödie an der Geschichte ist, dass ein Weltmeister von 1990 an diesem Schauspiel teilnimmt! Was sagt das über unsere Gesellschaft aus! Was sagt das über jeden einzelnen von uns aus!

Wir sollten unsere Weltmeister auf Händen tragen – ein Leben lang! Ihre Taten sollten nie vergessen werden und wenn sie einmal in Not geraten, dann ist es doch oberste Pflicht unseres Sozialstaates und seiner Bürger, einzugreifen und diese Not zu lindern! Hier ist jeder gefragt zu helfen und ganz vorne kommt der größte Sportfachverband der Welt! Wenn der DFB vernimmt, dass einer seiner historisch bedeutsamsten Spieler in einer schwierigen Situation ist und Gefahr läuft sich selbst, seinem Ansehen und damit indirekt auch den Leuten um ihn herum Schaden zuzufügen, dann muss diese Situation still, heimlich und ohne großes Aufsehen bereinigt werden, in dem man Icke beiseite nimmt und ihn einfach fragt: Junge, wat is:?  Wat brauchste?

Und wenn der DFB das nicht tut, dann sind Staat, Verein und jeder ihm nahe stehende Mensch gefragt, einzugreifen.

Was sollen wir unseren Kindern sagen, die Fußballprofi werden wollen und dann sehen, wie ein Weltmeister enden kann? Lebensträume können zerstört werden, noch bevor sie richtig gekeimt sind und das nur deshalb, weil unsere Gesellschaft tatenlos zusieht, wie einer ihrer – ja! – Helden nicht einfach nur verarmt, sondern dabei noch seine Würde verliert.

Dieser Fall wäre möglicherweise in anderen Kulturen völlig unproblematisch. Für einen englischen Weltmeister – zugegeben, hier bedarf es synthetischer Stimulanzen, um sich dieses Zusammentreffen vorstellen zu können – wäre das vermutlich eine ganz normale „Karriereseitwärtsbewegung“. Wie oft haben wir Bilder vom alkoholabhängigen Gascoigne betrachtet. Aber: Er ist krank und vielleicht würde Geld seine Situation nur sehr kurzfristig besser machen. Bei Icke könnte es dem Trauma einer ganzen Generation vorbeugen.

Tut was! Helft Icke! Schaut kein Dschungelcamp!

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