Meinung: FC Bayern – Getan wird einfach, was sich auszahlt

Wegen seiner Kooperation mit Katar wird der FC Bayern scharf kritisiert. Manche Fans werfen ihm sogar einen Verrat an den Werten des Vereins vor. Die Frage ist allerdings, ob es diese Werte überhaupt gibt.

Von Alex Feuerherdt

Die enge Bande, die der FC Bayern München mit dem Emirat Katar pflegt, hat zu einer Menge Kritik geführt, seit zum einen die sklavenarbeitsähnlichen Bedingungen auf den WM-Baustellen im Land in den Fokus gerückt sind und sich zum anderen selbst eingefleischte Fans des Rekordmeisters auch öffentlich ablehnend über die Zusammenarbeit ihres Lieblingsvereins mit dem Golfstaat äußern, in dem die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. So kritisiert beispielsweise Oliver Schmidt auf seinem bekannten Blog „Breitnigge“ in einem offenen Brief an den Vorstand des Klubs, „dass ausgerechnet der FC Bayern, als Verein mit einer großen jüdischen Tradition – zu der sich der Verein ja (inzwischen) bekennt und diese lebt […] –, mit Ländern wie Katar geschäftliche Beziehungen unterhält. Einem Land, welches Israel – gelinde gesagt – ablehnt und unter anderem israelischen Sportlern die Einreise verwehrt.“ Tatsächlich stellt sich die Frage, wie es eigentlich zusammengeht, auf der einen Seite diese jüdische Tradition zu pflegen, für die vor allem der Name des langjährigen Präsidenten Kurt Landauer steht, und auf der anderen Seite mit einem antisemitischen Regime zu kooperieren. Auch mutet es ausgesprochen widersprüchlich an, wenn sich der FC Bayern, wie im Januar 2015 geschehen, einerseits mit den Opfern der islamistischen Terroranschläge in Paris solidarisiert („Je suis Charlie“) und andererseits unmittelbar darauf in ein Land fliegt, das zu den Hauptförderern des islamistischen Terrorismus gehört.

Um dieser Widersprüchlichkeit auf den Grund zu gehen, ist ein Blick auf die jüngere Geschichte des Klubs zweckmäßig, in der die ältere Geschichte überhaupt erst ein Thema wurde. Zuvor hatten die Ära Landauer, der jüdische Teil der Vereinshistorie und der Nationalsozialismus in Verlautbarungen des FC Bayern München lediglich eine untergeordnete Rolle gespielt. In den hauseigenen Chroniken etwa wurde all dies lange Zeit lediglich am Rande erwähnt, und selbst im Nachruf auf Kurt Landauer in der Klubzeitung hieß es im Januar 1962 hinsichtlich seiner Abwesenheit zwischen 1933 und 1947 bloß knapp, diese habe „politische Gründe“ gehabt. Noch im Mai 2003 wurde Uli Hoeneß in einem Beitrag der „Zeit“ mit den lapidaren Worten zitiert: „Ich war zu der Zeit nicht auf der Welt.“ Und der langjährige Vizepräsident Fritz Scherer wollte auch vor sieben Jahren noch nicht die jüdische Tradition des FC Bayern herausstellen: „Dann laufen Sie Gefahr, dass es Gegendemonstrationen gibt, da provoziert man etwas“, sagte er mit Blick auf die „rechte Szene“. Eine Form von Appeasement also, um Neonazis und andere Antisemiten zu beschwichtigen. Ein unwürdiger Umgang mit der Geschichte des Vereins.

Es waren die Ultras von der „Schickeria“, die Kurt Landauer und das jüdische Erbe des FC Bayern aus der Vergessenheit holten – zum Beispiel mit selbstorganisierten Fußballturnieren um den Kurt-Landauer-Pokal, Artikeln, Vorträgen und Choreografien im Stadion. Erst 2009 begann auch die Klubführung allmählich, sich damit zu beschäftigen: Zum 125. Geburtstag von Kurt Landauer legte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge in Dachau einen Kranz an der ehemaligen KZ-Zelle des früheren Präsidenten nieder, und auf der Homepage des Vereins erschien erstmals eine ausführliche Würdigung. Im Mai 2011 nahm Rummenigge in München an der Präsentation des Buches „Der FC Bayern und seine Juden“ von Dietrich Schulze-Marmeling teil und sagte dort: „Der FC Bayern hat eine jüdische Vergangenheit, eine sehr reiche und erfolgreiche. Wir sind stolz auf diese jüdische Vergangenheit, und gemeinsam mit unseren jüdischen Freunden werden wir auch eine stolze Zukunft haben.“ Inzwischen wird die Ära Landauer in der „Erlebniswelt“ des FC Bayern in der heimischen Arena gebührend gewürdigt, und zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar gibt es seit 2013 regelmäßig Sonderausstellungen, Führungen und Veranstaltungen.

Für sein mittlerweile recht offensives Bekenntnis zum jüdischen Teil seiner Geschichte und insbesondere zum Vermächtnis von Kurt Landauer – nach dem unlängst auch der Platz vor dem Stadion in Fröttmaning benannt wurde – hat der FC Bayern sehr viel Lob bekommen. Sätze wie die von Fritz Scherer oder Uli Hoeneß würde man heute nicht mehr von einem Funktionär des Rekordmeisters hören. Man könnte also annehmen, dass in der Führungsetage ein Umdenken stattgefunden hat. Womöglich hat dieses Umdenken aber vor allem etwas damit zu tun, dass es dem Prestige und dem Image des Klubs genutzt hat. Der sportlich und finanziell größte und erfolgreichste deutsche Fußballverein gilt längst auch im Umgang mit der Vergangenheit als vorbildlich, und das hat ihm eine Menge Sympathien eingebracht, selbst von Kritikern und Fans anderer Klubs. Daran ist zunächst einmal nichts auszusetzen. Die Frage ist nur, ob dieser Umgang tatsächlich mehr ist als eine Marketingstrategie. Und daran muss man angesichts der Beziehungen zu Katar inzwischen zweifeln.

Denn wer es ernst meint mit dem Bekenntnis zur jüdischen Tradition und der entschiedenen Ablehnung einer Ideologie, derentwegen Kurt Landauer verfolgt und ins Konzentrationslager gesperrt wurde, kann nicht in und mit einem Land, das von einem totalitären, antisemitischen Regime beherrscht wird, millionenschwere Geschäfte machen. Der FC Bayern hat jedoch nicht einmal davor zurückgeschreckt, seinen Deal mit dem Flughafen Doha auch noch ausgerechnet am diesjährigen Holocaust-Gedenktag zu verkünden. Genau darin kulminiert die vermeintliche Widersprüchlichkeit – und löst sich gleichzeitig auf: Getan wird einfach, was sich auszahlt. Als man beim FC Bayern begriff, dass sich die Zeiten geändert haben und sich die Würdigung von Kurt Landauer und der damit verbundenen Tradition in vielerlei Hinsicht lohnen könnte, gab man seine Ignoranz auf und verkaufte sein Engagement fortan als Einsatz für die Werte des Vereins. Als man verstand, dass die Kooperation mit Katar sich lohnen könnte, ließ man sich auf sie ein. Der Kritik daran begegnete man mit Alibi-Beteuerungen wie jener von Philipp Lahm, man werde im Emirat „nicht die Augen zumachen“. Was der Bayern-Kapitän dort sah und gegebenenfalls in kritischer Absicht ansprach, hat die Öffentlichkeit jedoch bis heute nicht erfahren.

Der FC Bayern bewegt sich damit allerdings voll und ganz im deutschen Mainstream. Auch in der Politik hat man bekanntlich kein Problem damit, einerseits das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus hochzuhalten, am Holocaust-Gedenktag oder am Jahrestag der Pogromnacht von 1938 besonders laut „nie wieder“ zu rufen und das Eintreten für die Sicherheit Israels als Teil der Staatsräson zu bezeichnen – und andererseits mit einem Regime wie dem iranischen, das den Holocaust leugnet und Israel am liebsten von der Landkarte radieren würde, gute Beziehungen zu pflegen. Insofern tut das Flaggschiff des deutschen Fußballs nichts, was hierzulande nicht ohnehin schlechte Normalität ist. Ein Grund, das nicht zu kritisieren, kann das gleichwohl selbstverständlich nicht sein. Von der Illusion, dass dem FC Bayern die eigene Geschichte ganz besonders am Herzen liegt, sollte man sich allerdings tunlichst verabschieden. Das Bekenntnis zur Historie dient dem Klub vor allem zur Imagepflege, also letztlich zu Marketingzwecken. Das hat Kurt Landauer nicht verdient.

zum Autor:

Alex-Meisterschale

Alex Feuerherdt (Foto) ist freier Publizist und Lektor und lebt in Köln. Er schreibt für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und Online-Medien, unter anderem für n-tv.de, Konkret, die Jüdische Allgemeine und die Jungle World. Außerdem bloggt er auf Lizas Welt und ist Mitbetreiber des Schiedsrichter-Podcasts Collinas Erben.

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