Jetzt ist es passiert!

1Nach 420 Jahren sind die Bayern nicht mehr Tabellenführer der ersten Bundesliga und so richtig weiß Fußballdeutschland nicht, wie es damit umgehen soll. Einerseits ist das eine ganz famose Sache, denn die Eintönigkeit hat ein Ende Jeder hat nun die Hoffnung, dass ein anderer Verein als die Bayern am Ende der Saison auf dem Münchener Rathausbalkon steht und der gemeine Fan sehnt sich danach, bis zum 34. Spieltag um 17:14 Uhr nicht genau zu wissen, welche der 18 Mannschaften es sein wird.

Denn es ist das passiert, was sich alle erhofft haben. Die Bayern sind nicht mehr so stark, wie die vergangenen Saisons! Und nicht etwa der Rest stärker geworden. Aber das genügt schon, um den Glücklichkeitsindex in der Fußballrepublik in skandinavische Sphären zu heben.

Fußballdeutschland betreibt eine ungemeine Nabelschau. Die Zufriedenheit der Fans bemisst sich, man könnte meinen, nach US-amerikanischem Vorbild, und zwar danach, wie ausgeglichen die Liga ist. Im Grunde ist hier nämlich alles super: Tolle Stadien, stets voll und gleichermaßen familienfreundlich wie sicher, eine hohe wirtschaftliche Stabilität von Vereinen und damit der Ligen und zu guter Letzt nun wieder das Gefühl, dass VfL Wolfsburg oder Bayer Leverkusen Meister werden können, oder zumindest fast.

In den USA ist es nämlich genauso so. Salary Cap und Draft System stellen sicher, dass Wettbewerb da ist und es zu keinen „Dynastien“ kommt. Die letzte war vermutlich die der New England Patriots im Football. Der Vorteil der Amis: Sie müssen sich nicht sorgen, dass eine ausländische Liga ihnen Tom Brady wegkauft, also können sie sich nur auf sich selbst konzentrieren und müssen nichts tun, um sich vor Wettbewerbern zu schützen.

Unter den europäischen Ligen kommen die Engländer dem noch am nächsten. Die starke Präsenz in den Auslandsmärkten und die Öffnung gegenüber Investoren und damit neuen Eigentümern führte ebenfalls zu einem umgemein offenen Wettbewerb. Wobei dies auch erst der Fall ist, seit dem Alex Ferguson beim Manchester United zurückgetreten ist und der Verein damit nach unten abfiel. …und seitdem haben englische Mannschaften keine realistische Chance mehr auf den Champions-League-Titel. Von dem „Betriebsunfall“ Chelsea 2012 mal abgesehen hatte kein Team von Insel die Hand am Henkelpott oder auch nur die Aussicht darauf. Denn ein Wegfall der absoluten Spitze in die breite Masse bedeutet, dass man in Europa nichts holen wird.

Die, die es uns lebhaft vormachen, wie es geht, sind die Spanier. Mit Real und Barcelona besitzen sie zwei Übermannschaften. Man stelle sich vor, es gäbe einen zweiten FC Bayern in der Bundesliga! Vermutlich hätte ich dann zwei Lieblingsmannschaften! Aber die Atléticos und Sevillas scheren sich nicht um dieses Doppelhandicap. Die werden zwischen durch mal Meister und kommen ins CL-Finale oder gewinnen die Europa League drei Mal in Folge. Beeindruckend! Und ich würde was darum geben, wenn Fußballdeutschland diese Gier und Sehnsucht an den Tag legen würde: Dass man sich nicht mit international soliden Ergebnissen zufrieden gibt, ohne aber auch nur im Ansatz an den Titel glauben zu können – wenn man nicht FC Bayern heißt.

Der beste Vizemeister der Geschichte verliert im Europa League Halbfinale ein Spiel, was man nie verlieren durfte und die siegreichen Liverpooler werden im Finale von Sevilla abgekocht… und man hofft, dass die Bayern nicht mehr so stark sind.

Aber das Problem ist ja jetzt gelöst! Bayern nur noch auf zwei! Könnte das eine Partei versprechen, dann hätte sie den nächsten Wahlsieg locker in der Tasche, noch vor den Vereinigungen, die ein Heilmittel gegen Krebs und / oder Steuersenkungen versprechen. Aber die Sache hat einen Haken: Ausgerechnet Leipzig ist erster und wenn man bundesweit fragt, welcher Verein unbeliebter ist, dann würden sich die Bayern und die Roten Bullen ein heißes Rennen liefern, wobei meine subjektive Wahrnehmung ist:

Die breite Masse kann die Bayern weniger leiden.

Selbst ernannte Fußballpuristen, Ultras und sonstige Glaubenskrieger, besonders bei den Traditionsvereinen, wünschen den Leipziger jede erdenkliche Geschlechtskrankheit und tun das so lauthals kund, so dass es wie ein Flächenbrand anmutet.

Aber was genau missfällt unseren Nachbarn, und vielleicht auch uns selbst, am Rasenballsport aus Leipzig? Eine Spontanumfrage auf der Arbeit, im Treppenhaus und am Urinal freitagnachts in einem nicht mehr näher zu bestimmenden Etablissement im Belgischen Viertel zu Köln haben ergeben:

1. Die haben keine Tradition!

2. Dat es ene Drecksplas..*hick*… splastiksclub!

3. Die haben keine Tradition!

4. Die kaufen sich doch den Erfolg!

5. Die haben keine Tradition!

6. Die sind verantwortlich für den Niedergang des Fußballs!
Nun, einige Sachen lassen sich nur schwerlich wegdiskutieren, selbst wenn man es wollte:

Leipzig hat ordentlich Geld zur Verfügung und außerdem gibt es zahlreiche Vereine, die deutlich mehr Geschichte und damit auch Tradition auf dem Buckel haben. Akzeptiert.

Aber das ist offensichtlich nicht richtig so, denn nur wer Tradition hat, darf auch üppige Investoreneinnahmen für sich verbuchen. Beispiel:

Isamik kommt zu 1860 und steckt viel Kohle rein, anfangs sogar mit Aston Martin als Trikotsponsor – der Arbeiterverein wohlgemerkt.

Schlägt den Sechz’gern deswegen nackter Hass entgegen und wird ihnen die Schuld am Niedergang des abendländischen Fußballs zugeschoben? Nein, denn das ist ein Traditionsverein!

Kühne kommt zum HSV, kauft die Stadionnamensrechte zurück und investiert mehr Euro als die Sahara Sandkörner hat.

Was macht Volkes Seele? Findet das nicht gut, wünscht dem HSV den Abstieg und lacht ihn aus, wo es nur geht.Das war’s dann aber auch.

Schalke hat Tönnies, den größten Schweinemetzger östlich von Kansas, der ordentlich in die Schatulle geöffnet hat und dazu noch Gazprom auf der Brust. Stört mich nicht besonders, auch wenn ich sagen muss, dass man ethisch besser wählen könnte, wenn man wollte. Aber deswegen muss man die auch nicht hassen, wirklich nicht. Und man tut es auch nicht, außer man ist Fan von RW Essen oder dem BVB.

Apropos BVB. Der verkauft die Namensrechte seines Westfalenstadions an einen Versicherer, dessen Farbe blau ist. Man ist ferner an die Börse gegangen, die Aktie schmiert ab und die Investoren, viele davon Privatpersonen und treue Fans, verlieren einen Teil ihres Geldes, für das sie sicher hart malocht haben. Börsengang… in einem Ranking, was dem Wertverfall im Fußball am nächsten kommt, würde das nach meiner Einschätzung unter den Top 3 rangieren, irgendwo bei Trikotfarben/Vereinsnamen und Wappen Sponsorenbedürfnissen angleichen und Stadion komlett versitzplatzen, Preise verdreifachen und in Vereinshymne den jeweiligen Namen des Heimspieltagssponsors in den Chorus einzupflegen.

Ja, und Leipzig? Da kommt ein Ösi daher und steckt seine Kohle irgendwo in die DDR, wo niemand anders was machen will. (Infra)Strukturen werden aufgebaut und alles passt: Trainingsanlagen, Stadien, Personal auf und abseits des Platzes, Hierarchien und Vereinskultur. Und vielleicht ist der aktuelle Erfolg auch ein Resultat dessen und nicht nur des vorhanden Geldes. denn das gibt es auch woanders, nur wird nicht überall so vernünftig damit gearbeitet.

Bestimmt ist nicht alles richtig, was Red Bull macht, die „Vereins“struktur ganz vorne weg, und man darf die weiß Gott auch Scheiße finden, aber vielleicht sieht man bei Ihnen ein paar Dinge einfach nur kritischer als bei anderen und wo man bei den Traditionsvereinen wegschaut, den Kopf schüttelt oder nur lacht, denkt man sich bei den Ossis: Geht ja gar nicht! Und wie kann man dahin wechseln!?

Und nicht vergessen: Am 21.12. heißt es FC Bayern gegen RB Leipzig!

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