Liebe Jung in Zagreb: Der ewige Kampf zwischen Romantik und Realismus

20151209_214732Mit den alten Kameraden der 1st class supporters versucht der Liebe Jung einmal im Jahr eine Tour zu einem schicken Champions-League-Auswärtsspiel zu machen. An Motivation fehlt es dabei selten und so ist die Auslosung der Vorrunde stets ein sehr wichtiges Datum im Kalender der Beteiligten, wo kindliche Vorfreude und Seniorenabenteuerlust in einem ekstatischen Höhepunkt kulminieren, wie man ihn sonst nur aus der Erinnerung an Teenagerfummeleien kennt.

Als Anhänger des FC Bayern ist man zugegebenermaßen verwöhnt und so ist es nicht ganz so entscheidend, dass man unbedingt DIE TOUR nach London, Mailand, Madrid oder Barcelona mitmacht, denn erfreulicherweise kann man davon ausgehen, dass sich solche Gelegenheit in Zukunft wieder bieten werden. Im Vorlauf zur Auslosung glüht traditionell der WhatsApp-Verteiler unter den Veteranen und so werden mögliche Gegner bewertet/herbeigesehnt/verteufelt. Auf die Kriterien soll hier nicht im Einzelnen eingegangen sein, da sie letztlich auch bei jedem Teilnehmer variieren. Im Grunde sind es aber dieselben Maßstäbe, wie man sie auch an einen schnöden Familienurlaub ansetzt: Erreichbarkeit, Attraktivität des Ziels (wie auch immer man diese definiert), Kosten und zeitlicher sowie administrativer (Visa) Aufwand spielen in unterschiedlicher Gewichtung bei allen eine Rolle. Unzweifelhaft ein ganz entscheidendes Kriterium ist jedoch: Der Reiz des Neuen!

Den gemeinen FC- oder Eintracht-Fan wird sich es sicher danach gieren, seine Mannschaft im San Siro spielen zu sehen. Dem verwöhnten Bayern-Fan nötigt das oft allenfalls ein Zucken im Mundwinkel verbunden mit einem „Ach, schon wieder…“ ab. Und spätestens seit dem Karriereende von Pippo Inzaghi gehören Kaltschweißattacken in Verbindung mit Spontaninkontinenz der Vergangenheit an. …der hat doch aufgehört, oder?!

Die Herzen der Protagonisten schlugen jedoch spontan höher, als Karin Tietze-Ludwig Dinamo Zagreb der Bayern-Gruppe zuschob. Gut erreichbar, geringer Kostenaufwand, Kroatien als Urlaubsland vermittelt positive Assoziationen, Sportbegeisterung sowie der dortige Fanenthusiasmus bilden die Sahne und der „Da waren wir noch nie!“-Faktor ist die Kirsche oben drauf.

Während die Kameraden geschlossen aus Köln anreisen hat der Liebe Jung in Vorbereitung auf dieses Auswärtsspiel schon vor viereinhalb Jahren abgekürzt und sitzt auf halber Strecke in München, um sich logistisch an das Unterfangen zu machen. Mal wieder so ein Bustoürchen hätte seinen Charme. Angebote gibt es genug, es schont den Geldbeutel und gehört auch irgendwie – in überschaubarem Umfang – dazu. Aber in einem Anflug von kulturellem Hochtrab und dem Wunsch, etwas mehr als nur ein paar Rast- oder Parkplätze zu sehen, wird dieser Gedanke verworfen und ganz bohème ein Flug gebucht. Denn bei genauerer Recherche des Gegners und der Örtlichkeit lässt sich feststellen, dass alleine schon das Stadion „Maksimir“ Grundbedürfnisse nach Fußballromantik bedient. Drei steile Tribünen, nah ans Spielfeld gebaut wecken Erinnerungen an das Ulrich-Haberland-Stadion oder die Grotenburgkampfbahn in den 90ern, denn für die Gäste hat man eine schöne Kurve reserviert, die sich ein gutes Stück entfernt von der Torauslinie befindet. Anzeigentafel im Nacken und, in einem Ansatz von Gleichberechtigung, keinerlei Überdachung.

An dieser Stelle soll kurz dem selbst auferlegten Auftrag nach ungefragter Vermittlung von Fußballklugscheißerwissen genüge getan werden, da das nächste Morawe-Fußballquiz irgendwann kommt und man vorbereitet sein muss: „Maksimir“ ist nach dem gleichnamigen Stadtteil benannt. Dieser wiederum trägt seinem Namen nach Maksimilijan Vrhovas, einem ehemaligen Bischof Zagrebs (18./19. Jh.).

Zurück zum Thema: Während der Auslosung im August bei 30°C und voller Vorfreude, verdrängt man gekonnt die mögliche Witterung an einem 9. Dezember (unüberdacht) sowie die Tatsache, dass es sich um das letzte Gruppenspiel handelt, die Bayern schon längst qualifiziert sein können und Pep den Busfahrer sowie irgendwelche Praktikanten von der Geschäftsstelle auflaufen lässt. In dem Moment ist einfach alles geil! Man freut sich auf das Spiel und die Flugbuchung ist so aufregend wie damals, als man nervös am Verschluss ihres BHs rumgemacht hat. Die Aussicht, mal wieder Fußball in einem „richtig ehrlichen Ambiente“ zu sehen, frohlockt von weitem und man will wieder dasselbe Gefühl haben, wie beim letzten Auswärtsbesuch des Bökelbergs.

Beim Besuch eines solch prähistorischen Stadionbaus bekommen auch Wettervorhersagen eine deutlich größere Bedeutung als ohnehin schon, denn wenn plötzlich der Wind eiskalt aus den Alpen runterprfeift, es regnet oder schneit oder gar kinderfaustdicke Eisklumpen hagelt, dann setzt man wenigstens seine Gesundheit aufs Spiel und in Verbindung mit den üblichen Schauermärchen über irgendwelche gegnerischen Hools, vielleicht sogar… noch mehr! In solchen Augenblicken fühlt man sich wie Evil Knievel, jemand, der das Schicksal herausfordert, ein Teufelskerl und Eden Hazardeur vor dem Herrn! Zwar wie einer, der mit dem Flieger anreist, aber das tut dem Adrenalinfluss keinen Abbruch.

Natürlich fällt der Spannungsbogen von Spätsommer bis Anfang Dezember ein wenig ab – so viel Adrenalin hat ja kein Mensch – aber wenn man dann vor Ort ist und sich die Fluchtlichtmasten majestätisch gen Himmel recken und in ihrem gleißenden Licht die Spielstääte erstrahlt, dann muss man nicht lange suchen, um jemanden zu finden, der einem ungefragt bestätigt, wie erhebend dieser Augenblick ist und welchen Wagemut man auf sich nimmt, in ein unüberdachtes Stadion zu gehen, nach einer Stunde Flugzeit.

Am Stehplatz angekommen, werden so viele Phrasen und Hülsen der Vergangenheit bemüht, dass sich die nächste Tour locker von selbst finanzieren würde, wenn man an ein entsprechendes Phrasenschwein gedacht hätte „Das ist so wie damals, weißte noch…?“, „…erinnert mich an die Ulrich-Bökelland-Kampfbahn!“, „Was jetzt noch fehlt, ist ne echte Dönninghaus!“… und dann steht es zur Halbzeit 0:0, weil man von Praktikant Julian Green nicht mehr erwarten kann und es in dem Spiel ohnehin nur noch um „La Piña Dorada“ geht, wie man auf argentinisch sagt. Und dann fängt es auch noch an zu regnen und es kommt das erste zaghafte: „Also, wenn jemand die 2. Halbzeit in der Kneipe gucken will: Ich wäre dabei!“.

Dieser Moment ist ziemlich entlarvend, weil er einem bewusst macht, was man schon längst weiß: Mit 40+ ist man schon längst kein feuriger Fannovize, der in all dem Abenteuer und Herausforderung sieht. Vielmehr ist man ein Veteran und verantwortungsvolles Mitglied der Gesellschaft, dem vom langen Stehen in der Kälte Rücken und/oder Knie wehtun, der längst nichts mehr beweisen muss und der in der auferlegten verlängerten Blockverweildauer nach Spielschluss schon lange keine Bestätigung für die eigene „Ausstrahlungskraft“ mehr sieht, sondern eine unnötige Verlängerung der körperlichen Tortur.

Denn wenn man ehrlich ist, ist man mittlerweile viel näher beim 150 EUR-Ticket-VIP-Loge-mit-Hummerbecken-Fan geworden, der die Spiele seines Vereins seines Vereins mit Buffet, Flachbildschirm und Superzeitlupe, Kellner und Toilette genießen möchte.

Romantik ist was für die Jugend.

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