Saisonvorschau Serie A von Arne Malsch (Chefredakteur sportdigital)

Italien: Der glanzvollen Euro folgt ein „sumpfiger“ Scudetto.

Jetzt ist es vorbei mit den Gemeinsamkeiten. Der kollektive Jubel über die Squadra Azzura ist verstummt, jetzt konzentrieren sich die Tifosi wieder auf ihre Klubteams und die Meisterschaft. Selten dürfte dabei ihre Gefühlslage vor der beginnenden Serie A-Saison schneller umgeschlagen sein als nach der überzeugenden und erfrischend gespielten Europameisterschaft des Nationalteams. Am Samstag muss sich die Fußballnation Italien nun wieder mit seinem Fußball-Sumpf auseinandersetzen.

Ein Meistertrainer, der sein Team vorerst nicht trainieren darf, Nationalspieler, denen dreieinhalb Jahre Berufsverbot drohten und Teams, die statt mit Euphorie erst einmal mit einem negativen Punktekonto in die höchste Spielklasse gehen. Der Wettskandal um Spielabsprachen beherrscht die Serie A und macht einen Ausblick angesichts weiterer, ausstehender Ermittlungen auf die kommende Spielzeit nicht gerade einfacher.

Ohne mich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, wage ich zunächst die wenig kühne Prognose, dass der Titel auch in dieser Spielzeit wieder an einen der drei letzten Titelträger der vergangenen 11 Jahre:  Juventus, Milan oder Inter gehen wird.

Deutliche Vorteile hat dabei Juventus, das seinen Kader zum großen Teil zusammenbehalten hat und mit gezielten Verstärkungen in der Breite (z.B. Caceres von Sevilla, Lucio von Inter) auf die gesteigerten Belastungen durch die Champions League reagiert hat. Gespannt bin ich auf den „Königstransfer“ Sebastian Giovinco, der aus Parma für 11 Millionen Euro zurückkehrt. 15 Tore und 16 Assists bei Parma sind eine Hausnummer, die Trainer Conte gefallen haben dürfte. Giovinco wird Juves Angriff unberechenbarer machen, Matri und / oder Vucinic werden profitieren.

Apropos Antonio Conte: Er bleibt nun auch in zweiter Instanz wegen seiner Verwicklung in den Wettskandal als damaliger Trainer von Siena für zehn Monate gesperrt. Das kann auf Dauer doch ein negativer Faktor für den Meister werden. Beim italienischen Supercup im gut dafür bezahlenden China betreute Techniktrainer Massimo Carrera die Mannschaft. Der 4:2-Sieg gegen den SSC Neapel war ein schöner Auftakt, aber ob die tägliche Arbeit  nur durch Absprachen mit Conte funktioniert, wage ich zu bezweifeln. Ob Juve seinem Meistertrainer wie angekündigt die Treue hält, hängt nun von den Erfolgen Massimo Carreras mit dem Team ab. Eine spannende Konstellation, in der aber auch eine Chance für das Team liegt: Charakterköpfe wie Buffon, Pirlo oder auch der neu gekommene Lucio könnten eine „Jetzt-erst-recht“-Mentalität vorleben und somit den Erfolg der Vorsaison wiederholen – das sportliche Potential für den 29.Meistertitel hat diese Mannschaft – auch im Jahr 1 nach Alessandro del Piero.

Nicht ganz die Klasse der „Bianconeri“ dürften in dieser Spielzeit die „Rossoneri“ haben. Der AC Mailand hat mit Ibrahimovic und Thiago Silva hohe sportliche Qualität und mit Gattuso, Nesta, Seedorf und Filippo Inzaghi extrem starke Identifikationsfiguren für das Teamgefüge verloren. Massimiliano Allegri wird dennoch einen ernsthaften Titelkonkurrenten ins Rennen schicken. Ein Neuzugang vom AC Florenz wird dafür sorgen. Riccardo Montolivo – der Mann, den Nationaltrainer Prandelli im Finale niemals hätte auswechseln dürfen – wird dem nach Pirlos Abgang bisweilen uninspirierten Milan-Mittelfeld neue Ideen und Struktur geben.  Kevin-Prince Boateng, Robinho, Mexès, sowie Nocerino und Abate sind darüber hinaus nicht die schlechtesten Nationalspieler, mit denen man arbeiten kann.

Vielleicht können – und nach Allegris Vorgabe – sollen sich diese Spieler ohne die dominanten Charaktere im Team entwickeln. Der gerade erst vollzogene Tausch von Cassano zu Inter für Giampaolo Pazzini ist ein weiteres Indiz dafür. Cassano als personifizierter Unruheherd ist weg, Pazzini könnte mit kreativem Input aus dem Mittelfeld wieder aufblühen, wie 2010/11, als er für Sampdoria in der Abstiegssaison 17 Tore schoss. Nicht nur durch einen noch immer möglichen hochkarätigen Neueinkauf (Kaká ?) – 50 Millionen vom Ibra-Thiago Silva- Verkauf sind noch da – sondern auch schon mit dem aktuell bestehenden Kader ist Milan härtester Konkurrent für Juve um den Titel. Eins noch: über einen besseren Torwart darf man aber noch nachdenken!

Inter Mailand spielte nach katastrophalem Start in der letzten Saison keine ernsthafte Rolle um den Titel. Drei Trainer in einer Spielzeit sind eben meistens suboptimal für kontinuierliche Arbeit. Die mutige Entscheidung, mit Andrea Stramaccioni einen komplett unerfahrenen Trainer zu installieren, könnte sich nun auszahlen. Vielleicht standen zuletzt Übungsleiter wie Mourinho, Rafa Benitez oder Claudio Ranieri zu sehr im Fokus. Niemand hinterfragte wirklich das scheinbar immer bequemer werdende Team. Ohne die Ablenkung durch einen strahlenden Frontmann müssen die Herren Sneijder, Zanetti, Cambiasso und Milito sich nun neu beweisen. Neuer Ehrgeiz gepaart mit Titelerfahrung könnte dann zu mehr führen als Platz 6. Spannend wird sein, wie Stramaccioni den nötigen Umbruch im Team vollzieht und ob er Cassano integrieren kann. Gelingt das alles, dann könnte Inter auch aufgrund der geringen Belastung durch die wahrscheinlich nur beiläufig beachtete Europa League etwaige Schwächen der beiden Topteams Juve und Milan ausnutzen.

Auf solche Nachlässigkeiten wird auch der wiedererstarkte Pokalsieger hoffen: Der SSC Neapel ist unter Walter Mazzari nicht nur in Italien, sondern auch international eine ernstzunehmende Größe geworden. Für den ganz großen Coup wird es meiner Meinung nach nicht reichen, da der Abgang von Lavezzi zu PSG zu schwer wirkt. Extrem bitter wäre der in Italien immer noch für möglich gehaltene  Abgang von Edinson Cavani zu ManCity oder Chelsea.  So gut Pandev, Vargas oder Nachwuchshoffnung Lorenzo Insigne auch sein mögen, Cavani als Torgarantie wäre nicht zu ersetzen, Neapel würde sich schnell aus dem Kreis der CL-Kandidaten verabschieden. Ein Problem wird aus meiner Sicht auch die überalterte Abwehr werden, hier sind für höhere Ziele zu hohe Defizite zu befürchten.

In der Hauptstadt würden sie gerne in der CL spielen, aber ob es für Lazio oder den AS Rom reichen wird, sehe ich nur undeutlich. Lazio hat zwar Mauro Zarate zurückgeholt, aber zeigte schon im Schlussdrittel der vergangenen Spielzeit Ermüdungserscheinungen (nur 4 Siege und 6 Niederlagen in den letzten zwölf Spielen). Verletzungen sind bereits zu Saisonbeginn schon wieder ein Thema. Nur wenn die Leistungsträger wie Miroslav Klose (auch er erzielte nur 3 seiner 13 Tore in der Rückrunde) gesund bleiben, dürfte die Europa League-Qualifikation machbar sein, ein Champions League-Platz gelingt höchstens begünstigt von viel Unvermögen der Konkurrenz.

Stadtrivale AS Rom ist nach De Rossis Treuebekenntnis zu seinem Verein gegen die Millionen von ManCity zwar der „romantische Meister“ der Liga (Totti ist ja auch immer noch da), aber sportlich ist die Teilnahme an der EL – und im Zweifel ein Platz vor Lazio – wohl das höchste der Gefühle. Ein neuer Trainer mit neuem Spielsystem, ein neuer Hoffnungsträger: Stürmer – Mattio Destro aus Genua – insgesamt 15 Neuzugänge. Das ist bei  Roma zu viel Neues für meinen Geschmack.

Neuanfang auch mal wieder in Udine. Die jetzt ausgebildeten Stars sind weg (Isla und Kwadwo Asamoah), es folgen die nächsten, hungrigen Talente. Weil Überraschungen bei Udinese Calcio praktisch Programm sind, könnte es bei optimalem Saisonverlauf wieder zu einem Champions League-Platz reichen. Es wäre erneut die verdiente Belohnung für die großartige Arbeit von Trainer Francesco Guidolin, der mit  vergleichbar kleineren Mitteln zuletzt als 4. Und 3. In die CL-Qualifikation eingezogen ist. Der nächste Schritt – die sehr gut mögliche CL-Teilnahme – birgt aber auch die Gefahr, dass der unerfahrene Kader an seine körperlichen Grenzen stößt. Auch Dauerknipser Antonio di Natale wird im zarten Alter von bald 35 Jahren die Strapazen der Königsklasse in der Liga zu spüren bekommen. Dazu ist mit Handanovic einer der besten Torhüter der Serie A zu Inter gegangen. Ich bin gespannt, ob Udinese Calcio auch in dieser Saison wieder die drittbeste Abwehr der Liga stellt. Entsprechend glaube ich nicht so recht an eine weitere Überraschung – lasse mich aber von diesem erfrischendem Team gerne eines Besseren belehren.

Der AC Florenz muss hoffen, dass Eckpfeiler Stevan Jovetic bleibt. Ohne das Offensivjuwel, würde auch ein möglicher Transfer von Dimitar Berbatov zu der Fiorentina nicht mehr als einen Mittelfeldplatz einbringen.

Parma beendete die vergangen Spielzeit stark, verlor aber mit Giovinco den wichtigsten Spieler und landet im guten Mittelfeld.

Atalanta Bergamo dürfte genauso wie der US Palermo eine unspektakuläre Saison erleben, ebenso Sampdoria Genua, das nach dem Aufstieg dieses Mal wohl nicht ähnlich blauäugig mit einem soliden Kader in die Serie B schlittert wie 2011.

Chievo Verona und Catania dürften nach guten Platzierungen in der vergangenen Saison eine gewisse Euphorie mitbringen, sodass sie das Thema Abstieg zwar beschäftigen, aber letztlich nicht bedrohen wird.

Eine graue Saison mit Potenzial nach unten erwartet wohl den FC Genua – wieder einmal mit großer Fluktuation. Wenn die Unruhe im Verein sich in Grenzen hält, könnten für Alexander Merkel und Co. ein paar nette Erfolgserlebnisse drin sein, mehr aber auch nicht. Präsident Preziosi wird bei ausbleibenden Punkten erneut als Rumpelstilzchen durch den Verein poltern, dann könnte es sogar eng werden.

Gegen den Abstieg geht es für den FC Bologna, wo der Abschied von Marco Di Vaio ein großes Loch reißen wird. Zusammen mit Zweitligameister Delfino Pescara, Mitaufsteiger FC Turin dürften sie zwei von drei Abstiegsplätzen ausspielen. Am wahrscheinlichsten erwischt es den „Delfin“, den der Aufstiegstrainer Zdenek Zeman und seine Topstürmer Immobile und Insigne verlassen haben. Ohne relevante Serie A-Erfahrung im Team gibt es nach zwanzig Jahren Abstinenz nur eine Spielzeit lang größere Fische in Pescara zu sehen.

Sicher begleiten dürfte sie aus meiner Sicht der AC Siena, der nicht nur mit Destro seinen Topspieler verlor, sondern auch aufgrund seiner starken Einbindung in den Wettskandal mit einem negativen Punktekonto in die Saison geht. Minus 6 Punkte und ein unterdurchschnittlicher Kader sind zu wenig für den Klassenverbleib. Vielleicht eine gerechte sportliche Strafe für die Verfehlungen der letzten Jahre. Zumindest würde bei Sienas Abschied aus der Serie A ein weiteres Stück Wett-Sumpf trockengelegt.

Dann können sich die Tifosi 2013/14 auf das Nationalteam bei der WM UND einen sportlicheren Kampf um den Scudetto freuen.

Arne Malsch

Sportdigital zeigt auch in dieser Saison die Serie A live in Deutschland. Die aktuelle Programm-Übersicht gibt es hier.

Arne Malsch (geb. am 29. April 1972), ist seit Anfang Mai 2012 Chefredakteur und Kommentator bei sportdigital. Zuvor war der Hamburger Chef vom Dienst bei Sky Sport News HD und als fester und freier Mitarbeiter für Sky und sportdigital als Kommentator, Moderator, Fieldreporter, CvD, Ablaufredakteur und Beitragsmacher im Einsatz. Begonnen hat Arne Malsch seine Laufbahn beim Radio, als er zwischen 1993 und 1996 für OK Radio Hamburg am Mikrofon saß. Aktiv spielt der St. Pauli-Fan am liebsten Fußball, Tennis und Basketball. Malsch lebt mit seiner Partnerin und vier Kindern in der Nähe von Hamburg.

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