Liebe Jungs Glosse: Die WM 2006 und der Verfall moralischer Werte

IMG_0304PICT1030In dem kargen und tristen Leben vom Lieben Jung gibt es durchaus einige Dinge, die man auch bei kritischer Betrachtung als Moment kurzer Freude bezeichnen darf:
– Die im Alter von 18 Jahren bestandene theoretische Führerscheinprüfung ohne Fehlerpunkt.
– Vier Starkbiermaß auf dem Nockherberg getrunken und sich erst beim späteren Abstieg übergeben zu haben, ohne dabei die eigene Kleidung nachhaltig zu verunreinigen.
– Beim letzten „Schlag den Morawe“ einen 7. von 18 Plätzen erklommen und nicht mehr unter dem Namen „Quotenossis“ gespielt zu haben – diesmal hieß das Team „Murder on Zidane’s Floor“.
– Das Sommermärchen von 2006!
Die möglicherweise noch aufmerksame Leserschaft wird es sicherlich zu jedem der genannten Punkte nach ausführlichen Berichten lechzen, aber Olaf, der Betreiber dieser Seite, akzeptiert nur populistische Fußballartikel – im Idealfall mit hoher Aktualität – um die Klicks auf seiner Kickdingsbums-Seite „massiv in die Höhe zu treiben und sie damit zu dem führenden Fußballmedium der westlichen Hemisphäre zu machen“. Der Liebe Jung, generell schon kein großer Knecht eigener Willenskraft, wird dafür instrumentalisiert und als Lohn gibt es ab und zu auch mal Lob, wie „Na, der letzte Artikel war jetzt gar nicht mal so scheiße.“. Vor dem Hintergrund der genannten Anforderungen kann sich dieser Bericht nur auf den 4. obigen Spiegelstrich beziehen.
Es war so:
Die WM 2006 war ein Traum – soweit sich der Berichtende unter Zuhilfenahme von Fotos und aufputschender Medikamente erinnern kann. Vier Wochen lang herrschte auf der Zülpicher Straße ein Hochdruckgebiet, das gefühlt konstante 26,7° C bescherte und darüber hinaus schien es nur glückliche Menschen zu geben. Diese WM war anders als die ganzen Turniere zuvor. Und neben dem Wetter, dem Erfolg des deutschen Teams, dem Turnier in unserem Land und vielen anderen Aspekten, waren es auch solche Kleinigkeiten wie, dass die weibliche Bevölkerung das Fußballgroßereignis für sich entdeckte. Mit einem Mal entfielen die Kampfdiskussionen, die man sonst immer führen musste:
„Wo willst Du denn jetzt schon wieder hin?“
„Wie Fußball?! Die Saison ist doch vorbei!“
„Ja, wie lange geht denn diese MW denn noch?“
„Du kannst mir doch nicht erzählen, dass die schon wieder spielen. DA STECKT DOCH WAS ANDERES DAHINTER!!!“

Plötzlich begab es sich, dass die Mädels es ganz schick fanden, gemeinsam zu gucken – zumindest wenn Deutschland spielte. Und wie Mädels so sind, brachten sie ein neues Element der Spielvorbereitung ein. Während die Herren der Schöpfung sich zuvor darauf konzentrierten in testosterongeschwängertem Ambiente so viel Alkohol zu trinken, dass man bei Anpfiff schon kaum die Mannschaften auseinander halten konnte, verwendeten die Ladies die Zeit darauf, sich möglichst einfallsreich einzukleiden. Schminke, Perücken und selbst arrangierte Ensembles in Schwarz-Rot-Gold muteten dem geschlechtlichen Gegenüber, das sich auf „schön Trikot über die Plauze“ und, wenn Organisationstalente am Werk waren, auf die Installation einer Tipprunde beschränkte, wie reine Zeitverschwendung an. Aber selbst die größten Chauvi-Fußballpuristen mussten einräumen, dass sich die Atmosphäre durch das weibliche Element veränderte – und das sogar zum Besseren. SKANDAL!
Für den Lieben Jung und seine Homies war die Gaststätte Oma Kleinmann das WM-Epizentrum. Zu jedem Spiel versammelte man sich dort, stimmte sich auf das Spiel ein, sang kollektiv die Nationalhymne, brüder- und schwesterlich Arm in Arm, ohne sich dabei fremdenfeindlich vorzukommen, selbst wenn man es gewesen sein sollte. Nach den Spielen wurde ausgiebig gefeiert und dabei bildete die Zülpicher Straße selbst und dort unmittelbar dieser komische Induktionskasten vor der Oma eine prächtige Aussichtsplattform, um das Treiben vor Ort zu genießen. Die Tatsache, dass dem Kölner an und für sich genommen Verkleiden und Feiern nicht komplett fremd sind, war dem ganzen bestimmt nicht abträglich. Der Effekt, den das Turnier hatte, ließ sich aber unzweifelhaft in ganz Deutschland spüren, vermutlich sogar in der DDR.
Und als das Turnier dann vorbei war, unsere schmierigen Freunde aus Italien den Titel – erschreckenderweise verdient – gewonnen hatten, und wir uns an den Rest unseren Lebens machten, von dem wir nicht wussten, ob es uns nochmal etwas Vergleichbares bescheren würde, bekamen wir aus dem Ausland wundervolle Komplimente. Beim nächsten Auftritt unserer Mannschaft in Wembley hissten englische Fans ein Banner in deutscher Sprache, auf dem sie sich für unsere Gastfreundschaft bei der WM bedankten. Am eigenen Leib verspürte es der Liebe Jung bei der EM 2008 in Zürich, als er eines Nachmittags bei einem lokalen Bier, das nicht an die Güte der dortigen Molkereierzeugnisse/Schokoladen/Uhrwerke heranreichte, mit einem Einheimischen ins Gespräch kam. Und das verlief in etwa so:
LJ: „Prost.“
CH: „Seid Ihr aus Deutschland?“
LJ: „Ja.“
CH: „Ich finde die Deutschen scheiße.“
LJ: „Vielen Dank für das ungefragte Feedback und das Aufzeigen von noch brachliegenden Verbesserungspotenzialen.“
CH: „Schon immer…“
LJ: „Was ganz klar den Nachhaltigkeitsbedarf der zunächst zu definierenden und im Anschluss umzusetzenden Maßnahmen in den Mittelpunkt rückt.“
CH: „Aber bei der letzten WM, da wart Ihr gute Gastgeber.“
LJ: „Schön zu hören, dass nicht nur wir selbst uns bei uns wohlfühlen.“
CH: „Seitdem finde ich Euch nicht mehr so scheiße.“
LJ: „Das war schon immer unser Ziel. Und ich spreche dabei für mein ganzes Land!“
CH: „Aber scheiße seid Ihr trotzdem noch.“

Vielleicht ist Olaf ja Schweizer?
Nun, was für den Lieben Jung persönlich bei der WM nicht so erfreulich war, war die Schwierigkeit an Tickets zu kommen. Nur durch Zufall langte es dann doch für Karten für das Achtelfinale Ukraine – Schweiz in Köln. Zunächst war die Freude groß. Der Kick sollte sich jedoch als das langweiligste Spiel der WM herausstellen. Vermutlich sogar der WM-Geschichte,… aller Sportarten… inkl. Paralympics (scheiß auf Political Correctness). Es war wirklich ein Dreckskick! Nach einer halben Stunde skandierte das Publikum „Lukas Podolski“, die Schweiz schied nach 120 torlosen Minuten im Elfmeterschießen aus, wo man alle drei Gelegenheiten versemmelte. Bis zum diesjährigen DFB-Pokalhalbfinale dachte sich der Liebe Jung noch, „Was für Trottel!“. Ukraines Coach Oleg Blochin war schon längst in der Umkleide, „wejen singer Nerve“ und ließ sich den Ausgang berichten. Marco Streller, seinerzeit an den FC ausgeliehen, erdreistete sich nach dem Spiel zu erwähnen, dass die Rufe des Publikums nach der lokalen Identifikationsfigur die Sache für die Akteure auf dem Rasen nicht einfacher gemacht hätten, woraufhin der EXPRESS am nächsten Tag sinngemäß titelte: SCHWEIZER FC-SPIELER BELEIDIGT KÖLNER PUBLIKUM!
Aber sonst war es wirklich eine schöne WM!
Ja, und was kommt jetzt?! Im Zuge der Ermittlungen gegen FIFA und UEFA wird nun auch die Vergabe für die WM 2006 auf den Prüfstand gestellt und derzeit ist wohl unklar, was es mit der Zahlung von rund € 7 Mio. auf sich hat und welche Rolle Franz, Fedor Radmann und die einzige noch in Amt und Würden befindliche arme Sau, Wolfgang Niersbach, gespielt haben.
Wie üblich bei Themen der Weltgeschichte, die massiven Einfluss auf die Entwicklung der Menschheitsgeschichte haben werden, geht der Liebe Jung tief in sich und setzt sich damit auseinander.Das Ganze ist ein umfassender kognitiver Porzess, der am letzten Freitagabend im Hofbräuhaus in einem guten Gespräch mit Sven kulminierte und Auslöser für diese Zeilen ist. (Fußball)Gespräche mit Sven sind immer gut, denn Sven ist, obwohl großer BVB-Fan, jemand, der in den entscheidenden weltbewegenden Fragen des Fußballs mit dem Lieben Jung absolut auf einer Wellenlänge liegt – was auf die Mehrheit der durch soziale Netzwerke in ihrer Meinung beeinflussten Fußballfreunde in Deutschland nicht unbedingt zutrifft. Zum Beispiel:
1. Ihm sind die Bayern nicht unsympathisch.
2. Der HSV gehört unbedingt in die 1. Liga, im Gegensatz zum KSC und das mit dem Freistoß in der Relegation war schon okay.
3. Marcel Reif ist ein sehr guter Kommentator.
4. Es ist gut, dass es Rasenball Leipzig gibt und sie sollen möglichst bald aufsteigen.

In diesen vier genannten Punkten stimmen Sven und der Liebe Jung komplett überein – und das ausnahmsweise mal frei von jeder Ironie.
„Ja, und zu welchem Ergebnis sind nun diese beiden selbsterkannten Koryphäen abendländischer Fußballweisheiten in Bezug auf die WM 2006 gekommen“, werden sich die (lt. Olafs frisiertem Ticker) Millionen von Lesern dieser Zeilen fragen!
Das Votum nach zwei meinungsfestigenden Mass Bier war:
Korruption ist nicht richtig. Aber: Wenn wir angeblich € 7 Mio. dafür bezahlt haben, um die WM zu bekommen und wenn es das nur durch Bestechung zu erreichen war, dann war das eine richtige Entscheidung. Der Franz hatte den Job, die WM herzubekommen und das hat er gemacht und zwar in einer Zeit, als die Trauben moralischer Werte in der Sportpolitik noch nicht so hoch hingen, wie sie das heute tun.
Wir reden von € 7 Mio.?! Das Ding war € 700 Mrd. wert! Was hat uns die WM alles gebracht? Verbesserte Infrastruktur (klingt besser als „Sie haben die Autobahnen gebaut.“), neue Stadien, kollektive Euphorie, ein neues Selbst- und Fremdbild, ein herausragendes Turnier, die Schweizer finden uns nicht mehr komplett scheiße, einen wesentlichen Schritt für die folgenden erfolgreichen Turniere Deutscher Mannschaften, unendlich viel mehr, was man gar nicht in Worte fassen kann und das deshalb, weil wir angeblich vier asiatische Stimmen mit € 7 Mio. gekauft haben?! Völlig richtige Maßnahme! Sven und der Liebe Jung hätten dafür sogar was gespendet, wenn das Geld nicht gelangt hätte und würden es auch jetzt noch tun! Her mit der Bankverbindung!
Diese stichhaltige Argumentationskette dürfte auch den letzten Anti-DFB-Facebook-Hassprediger überzeugt haben. Die folgerichtige Frage: Okay, hammer kapiert, ävver wat mache mer jetz met däm Schlamassel?
Auch das wurde analysiert und letztlich ist es ganz einfach:
1. Mit Wasserstandsmeldungen aus den internen Untersuchungen irgendwelche unklaren Ergebnisse liefern und nach kritischer Betrachtung durch die Öffentlichkeit eine weitergehende Prüfung ankündigen. Den Zyklus bei Bedarf mehrfach wiederholen.
2. Zudem darauf warten, dass irgendwelche unwichtigen Themen wieder die Oberhand gewinnen (Flüchtlinge, Putin marschiert in Polen ein, Tuchel wird Nachfolger von Pep…) und damit die Zeit überbrücken bis zum
3. EM-Sieg
4. Irgendein neues Großereignis sauber ins Land holen und damit zeigen, dass man entweder a) immer sauber war oder b) „aus den bedauerlichen Fehlern der Vergangenheit gelernt hat“ und jetzt sauber ist.
Und dann ist alles wieder gut!
In diesem Zusammenhang soll einigen Menschen gedankt werden, die oft zu kurz kommen:
Franz dafür, dass er getan hat, was getan werden musste, um die WM zu bekommen.
Charles Dempsey dafür, dass er sich bei der entscheidenden Wahl enthalten hatte – wir sollten Flughäfen nach diesem Mann benennen!
Sven für den stets zielführenden Meinungsabgleich,
Olaf für den ständigen Antrieb,
allen, die 2006 auf der Zülpicher und im Rest der Republik dabei waren!
Bis zum nächsten Mal, wenn wir uns mit der Aufnahme und Abgabe von vier Starkbiermass näher beschäftigen.

 

Wer ist der Liebe Jung?

Der Liebe Jung wurde im Jahre des zweiten deutschen Fußball-WM-Titels geboren.

Den Großteil seines Lebens hat er in Köln verbracht und seit 2011 führt er sein kurzweiliges Jungesellenleben in München weiter, frei nach dem Motto: „Arbeiten – feiern – FC Bayern“.

Wenn er nicht für kickwelt.de schreibt, arbeitet er im Versicherungswesen, um einen Ausgleich zum kreativen Schreiben zu finden.

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