Morawe schlagen und sterben

LiebeJung-sadssIn München, so hat der Liebe Jung festgestellt, gibt es einen Unterhaltungscode.
Den gibt es vielleicht überall, aber hier fällt auf, dass innerhalb weniger Momente nach dem Kennenlernen die Fragen auftauchen:
– „Woher kommst Du?“ -> Wenn nicht aus München, dann die Folgefrage: „Wie lange bist Du schon hier?“
– „Was machst Du beruflich?“

Im schönen Köln waren solche Dinge nicht so wichtig. Hier aber passt es zum analytisch strukturierten Ansatz, den viele Leute wählen, um den gegenüber in eine Schublade zu stecken oder selbst gesteckt zu werden. Was hier sehr (ab)wertend klingt, ist gar nicht so gemeint. Letztlich ist es die Technik, die auch eine Kontaktbörse im Internet wählt. Man setzt bestimmte Äußerlichkeiten an und jemand anders entdeckt Gemeinsamkeiten oder auch nicht. In der Stadt mit dem größten Singlehaushaltanteil Deutschlands und einer Zuwanderungsquote von 70% offensichtlich ein gern adaptiertes Mittel.

Im Fall vom Lieben Jung geht die Frageserie üblicherweise noch weiter:

„Aus Köln?! Wie gefällt es Dir hier?“

Mag sein, dass die Frage so gestellt wird. Mittlerweile hört der Empfänger – möglicherweise auch aus einer neu entstandenen Empfindlichkeit in diesem Punkt – immer mehr heraus:

„Aus der lustigen Welthauptstadt des Frohsinns?! Was in Dreiherrgottsnamen hat Dich hierher verschlagen, Du arme Sau!? Und wie hältst Du es hier überhaupt aus, unter den ganzen CSU-Wählern. Willst Du nicht am liebsten direkt wieder zurück?!“

Nun, die Frage ist nicht unberechtigt. Zum Thema CSU-Wähler: In der Tat eines der vorherrschenden Probleme in Bayern, das aber noch nicht erkannt, geschweige denn angegangen wurde. Ein klares Versäumnis der Politik! München, muss man fairerweise sagen, ist jedoch rot – in mehrfacher Hinsicht.

Um dies hier aber nicht in einen todlangweiligen Politikblog ausarten zu lassen, nun der Schwenk zum eigentlichen Thema. Wenn man also den Weg ins Ausland angetreten hat und sich ein neues Leben aufbaut, geht diese unzweifelhafte Herausforderung auch mit jeder Menge Möglichkeiten einher. Man ist mitunter gefordert, viel netter zu den Menschen zu sein, weil man plötzlich auf sie mehr angewiesen ist als vorher, denn jetzt hat man kein funktionierendes Netzwerk. Um sich dieses aufzubauen, kann man Orte der Zusammenkunft wählen, wo sich Menschen finden, die dem eigenen Schönheitsideal entsprechen. Im Fall vom Lieben Jung rangieren Fußballkneipen ganz weit oben auf dieser Liste, und da ganz besonders das Stadion an der Schleißheimerstraße!

Ein Ort, der die Balance zwischen Kult und Kommerz mühelos meistert, was in München nicht alltäglich ist. In heimeliger Atmosphäre kommen ganz normale Leute zusammen, die sich bei einem Bier und einem Blick auf etwa ein halbes Dutzend Bildschirme am Spiel ihrer jeweiligen Mannschaft laben. Dem einen gelingt das mitunter besser als dem anderen. Aber der Blick auf die mit Memorablien bedeckten Wände, die jedem Hausstauballergiker Tränen auch der Rührung in die Augen treiben oder ein Stapel von kicker-Ausgaben auf dem Weg zum Abort, von dem mitunter auch die Zahnlücke von Otto Rehhagel blitzt, wie der Rest von ihm sich an einer Meisterschale erfreut (an die jüngeren hier: Otto Rehhagel war nicht immer Nationaltrainer Griechenlands), weckt in jedem fußballaffinen Menschen ein Gefühl von Nostalgie.

Hier werden aber nicht nur Fußballspiele geschaut, sondern es finden auch Events statt, wie Filmvorführungen, Lesungen oder die Krönung aller Veranstaltungen:
Ein Fußballquiz! Als der Liebe Jung hiervon erfuhr, wuchs ihm vor Freude ein drittes Bein! Ein Fußballquiz, unter erwachsenen Menschen, in einer Kneipe, für alle?! Der Wahnsinn! Einer dieser Orte wo man sich nochmal wie ein pickeliger Teenager fühlt, der endlich einmal den Großteil seiner reichhaltig gefüllten Hirnbibliothek gewinnbringend einsetzen kann, ohne dass ihm, wie bei sonstigen Anlässen, entgegnet wird, „Wen interessiert denn so’n Scheiß? …und wer sind Sie überhaupt?!“.

Diese magischen Nächte, die für den Lieben Jung die Aura einer Olympischen Eröffnungsfeier in Verbindung mit Papstaudienz verspüren, finden regelmäßig an einem der früheren Donnerstage im Monat statt, wobei Ausnahmen die Regel bestätigen. Das Konzept ist so simpel wie genial. Teams, die sich üblicherweise schon vor dem Termin zusammengefunden haben, erscheinen, um die von zwei Genien (Plural von Genius, hab’s nachgeschaut), die vermutlich durch den Rest ihres Lebens als gescheiterte Existenzen wandeln, komponierten Fragebögen zu beantworten. Und das Team mit den Meisten Punkten gewinnt. Ganz banal.

Die Fragen sind aus allen möglichen Fußballbereichen, mit Ausnahme von Jugend-, Ligen erkennbar außerhalb des Profibereichs sowie selbstverständlich Frauenfußball. Fragen nach WM-Historie, Torschützen(könige), Trainern, Aufstellungen, Trikotnummern, Bilderrätsel usw. bilden ein schier niemals endendes Sammelsurium an Fragen, an denen sich die Teams versuchen dürfen. Das Optimalprofil des erfolgreichen Quizteinehmers scheint dabei eindeutig:
Wenigstens 40 Jahre alt, tendenziell sogar Richtung 50 und vermutlich die meiste Zeit des Lebens im Stadion, vor der Glotze und mit dem kicker in der Hand abgehangen. Teilnehmer unter 30 haben so gut wie keine Chance. Jugend ist hier keine Zierde, sondern ein Handycap. Wäre David Hasselhoff ein Fußballconnaisseur, so könnte er hier würdevoll altern und ihm wäre globaler Ruhm sicher.

Der Liebe Jung war leider nur einige Male zugegen. Viel zu selten eigentlich für ein solches Feuerwerk der Fußballsinne, aber die Teilnahmequote wird hier weiter steigen. Nun, irgendwann jedenfalls schlich sich auch Prominenz ein, in Person von Sportredakteur Uwe Morawe, der dann tatsächlich die Veranstaltung in solcher Regelmäßigkeit gewann, dass sie ihm zu Ehren und in Anlehnung an eine bekannte Show in „Schlag den Morawe“ umbenannt wurde. Er lässt es sich dabei in seiner fast demütig zurückhaltenden Art nicht nehmen, selbst einige Bonusfragen zum besten zu geben. Ein Nachteil für ihn, da er sie zwangsläufig nicht beantworten darfund auch keine Punkte einheimsen kann. Allerdings weiß er den Nachteil mitunter auch selbst sehr gut zu regulieren, in dem er den Schwierigkeitsgrad kurzer Hand mal in den Exponenzialbereich schraubt. Nach wie vor ist Moraewe „the man to beat“, was man neidlos konstatieren muss.

Diese Wallfahrt für Fußballpilgerer hat sich in den Kalender vom Lieben Jung gefräst und nur außerordentliche Gründe halten ihn von einer Teilnahme ab, wobei „Urlaub auf einem anderen Kontinent“ und „Organspende“ unter die Kategorie „da lässt sich sicher noch was machen“, fallen. Bislang hat es stets für Mittelfeldplätze gereicht, aber der Wunsch, einmal im Maracana der Fußballquizze den Olymp zu erklimmen und sporthistorische Unsterblichkeit ist ein immerwährender Wunsch vom Lieben Jung!

Erschwerend kommt hinzu, dass er bislang nicht in der Lage war, dauerhaft ein schlagkräftiges Team auf die Beine zu stellen. Nach vielversprechenden Ansätzen einiger Talente, die auf Anhieb überzeugen konnte, zeigte sich, dass hier nicht dieselbe Leidenschaft vorhanden ist, um sich gemeinsam als Team einzuspielen, weiterzuentwickeln und konsequent an dem gemeinsamen Ziel zu arbeiten. Das Schicksal bringt den Lieben Jung sogar so weit, ohne Team anzureisen und seine Kenntnisse an der erstbesten Equipe feilzubieten. Der Vergleich zu einer Crackhure, die ihren einst ansehnlichen Körper dem erstbesten Freier andient, erscheint nur auf den ersten Blick übertrieben.

Aber erfreulicherweise hat es noch immer funktioniert, nette Menschen zu finden, mit denen sich ein kleines Tippteam formen lässt und seien es die „Quotenossis“.
Nicht ganz einfach für jemanden, der noch immer Bonn als seine Hauptstadt ansieht, aber mit den üblichen Mustern lässt sich hier ein geschmeidiges Entrée
finden:

„Du kommst aus Köln?!“

 

Wer ist der Liebe Jung?

Der Liebe Jung wurde im Jahre des zweiten deutschen Fußball-WM-Titels geboren.

Den Großteil seines Lebens hat er in Köln verbracht und seit 2011 führt er sein kurzweiliges Jungesellenleben in München weiter, frei nach dem Motto: „Arbeiten – feiern – FC Bayern“.

Wenn er nicht für kickwelt.de schreibt, arbeitet er im Versicherungswesen, um einen Ausgleich zum kreativen Schreiben zu finden.

 

 

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