Nummer 96

BS31MAnutdDer Liebe Jung liebt Trikots! Trikots seiner Lieblingssportarten, Trikots seiner Helden, manche Trikots einfach nur, weil sie schön sind oder auch, weil er die Marke mag. Wir reden dabei von den Leiberln, die man sich als Fan zulegt. Als er Kind war, gab es das noch nicht so. Der Fußball war noch nicht so kommerzialisiert, Spieler hatten keine festen Nummern, Fanshops gab es in der Form nicht und von seinen Eltern hätte er auch nie das Geld dafür bekommen.
Kriegsgeneration, Jahrgang 1943: „Wofür willst Du Geld?! Ein Trikot?! Meinst Du, wir hatten damals Trikots?! Nichts hatten wir. Wir waren froh über den Dreck unter unseren Fingernägeln! Ach was, wir hatten noch nicht mal Fingernägel!
Glaubst Du, ich gehe den ganzen Tag arbeiten, damit Du Dir von dem sauer verdienten Geld ein Trikot kaufen kannst?“

Man könnte meinen, es handelt sich hier um eine – oder genauer gesagt um vier – rhetorische Fragen, die entsprechend keine Antwort verlangen. Wenn man die Litaneien zu oft geh…. Was ist eigentlich eine Litanei? Oft verwenden wir Begriffe, weil wir ihre sinngemäße Bedeutung kennen, aber wir haben keine Ahnung von der Herkunft des Begriffes. Da sich der Liebe Jung der ungefragten Wissensvermittlung verschrieben hat, um mal den Begriff Klugscheißerei zu vermeiden, ist ein solcher Exkurs mitunter unausweichlich. Eine Litanei jedenfalls ist ursprünglich ein Wechselgebet im Katholischen, bei dem ein Vorbeter etwas „runterbetet“ und die Gemeinde kollektiv antwortet. Mittlerweile wird dieser Begriff aber für ein langatmiges Monologisieren verwendet, wie wir alle wissen. Wie auch immer, die Litanei seiner Eltern, meist von mehr oder minder vaporisiertem Speichel begleitet, forderte gerade zu ein „Durchaus“ als Antwort heraus, aber wie Ihr Euch denken könnt, verbessert kindliche Süffisanz die Situation den Erziehungsberechtigten gegenüber nur selten.

Wenn man sich also als Kind etwas unbedingt wünscht, aber nicht bekommt, wozu führt es dann? Zwei Sachen:
1. Man kauft es sich selbst, sobald man die Möglichkeit dazu hat.
2. Man verschenkt es an Kinder, wenn man selbst im Erwachsenenalter ist.

Gehen wir die beiden Punkte einzeln durch und betrachten, wie sie sich auf das Leben vom Lieben Jung ausgewirkt haben:

Kaum begann er 1994 seine Ausbildung und hatte nun selbst etwas von zählbarer Unabhängigkeit in seinem Portemonnaie, wurden Trikots angeschafft. Welches genau das erste war, lässt sich nicht mehr genau rekapitulieren. Unzweifelhaft war eines vom FC Bayern München ganz weit vorne, zum dem sich mittlerweile vier weitere vom Rekordmeister gesellt haben. Doch es blieb nicht beim Lieblingsverein. Wilde Sachen kamen hinzu, Trikots von Real Madrid (zum Teil mit wunderbarem 90er Jahre Design), der San Francisco 49ers (Steve Young), des Handballvereins Balingen/Weilstetten sowie Alba Berlin (dort spielten Namensvettern vom Lieben Jung), der L.A. Lakers (Kobe Bryant in seiner 1.
Saison), Feyenoord Rotterdam und AS Monaco (ohne Sponsor! Zeitlos!), das gepunktete Bergtrikot der Tour de France, All Blacks, England, Ghana, Bosnien, USA, Belgien, Mexiko, Kroatien, Ecuador, Schweiz, Russland (auch Eishockey), Frankreich, Griechenland, Spanien (auch Handball), Elfenbeinküste, Japan, Rumänien, Portugal, Italien, Südafrika, Australien, Tschechien, Serbien, Schweden, Brasilien, Argentinien, Holland, Uruguay, Deutschland usw., um mal ein WM- oder EM-Turnier komplett mit allen Trikots abdecken zu können. Hat bislang nicht geklappt, allerdings hat der Berichtende es auch nicht mit aller Konsequenz versucht. Bei dieser Trikotleidenschaft ist auch der Weg ein wenig das Ziel und es wäre zu einfach, in einen Laden zu gehen und einfach die Kohle über den Tresen zu schieben für die 8 Trikots, die eventuell noch fehlen. Wäre eine Menge Geld, aber eben nur Geld. Es macht fast mehr Spaß, geeignete Momente abzuwarten, ein Schnäppchen zu ergattern und von Zeit zu Zeit ein neues Sportdress nachzulegen.

Eine wesentliche Frage beim Trikotkauf ist: Mit Spielernamen oder ohne? Besitzt der Liebe Jung gerade bei den Fußballtrikots eine Vielzahl von Blankostücken aus der Vergangenheit, so hat sich die Perspektive drastisch geändert. Und eine klare Aussage: Es gibt nur einen einzigen Grund, sich ein Blankotrikot zu holen. Es ist billiger!

Dieser Grund darf aber nicht zählen, denn was zu bedenken ist: Ein Trikotkauf der Lieblingsmannschaft ist nicht der momentante Erwerb eines Gebrauchsgegenstandes, sondern man kauft ein Stück sportlicher Zeitgeschichte, die mit zunehmendem Zeitablauf eine historische Dimension erfährt. Aha, werdet Ihr denken. Ist aber so! Auch ein Blankotrikot verkörpert diese zeitliche Komponente, aber dies tut es „nur“ mit Hersteller, Design und – fast der größte Faktor – der Brustsponsor. Gladbach- und HSV-Fans, die schon einige Dekaden ihrem Verein folgen, treten Tränen der Nostalgie ins Gesicht, wenn sie nur an erdgas, respektive BP denken. Das ist Zeitgeschichte. Damit verbindet der Fußballnostalgiker automatisch etwas. Diese Komponente wird noch unweigerlich verstärkt, wenn man dazu einen Spieler „hinten drauf“ hat. In den genanten Fällen hinkt der Vergleich etwas, weil es zu der Zeit noch keine festen Nummern mit Spielernamen (in der Bundesliga erst ab 1995/96) gab, aber sieht man einen der folgenden Fetzen an einem Fan prangen, dann weckt es direkt eine Erinnerung beim Fußballliebhaber:
– Borussia Dortmund, Continentale, 13 Riedle
– Borussia Mönchengladbach, Diebels, 27 Ketelaer
– HSV, Hyundai, 8 Ivanauskas
– FC Bayern, Opel, 3 Lizarazu
– 1. FC Köln, Gerling, 8 Scherz
– Schalke 04, Kärcher, 8 Anderbrügge

Die Liste lässt sich noch lange weiterführen. Klar ist, der Kultfaktor steigt mit Spielernamen. Holt man das Stöffchen Jahrzehnte später wieder zum Vorschein ist der Oooh-&-aaah-Faktor deutlich größer und selbst dann, wenn sich der Spieler nicht zu einem Kultkicker entwickelt haben sollte.

Anderes Beispiel: Der Liebe Jung hat sich zur WM ein Uruguay-Trikot gekauft.
Zugegebenermaßen ein bisschen langweilig, wie die meisten PUMA-Trikots, aber mit „9 Suárez“ bekommt es einen ganz anderen Touch und wirkt deutlich weniger gewöhnlich. Hinzu kommt, dass der Spielername auf dem Trikot ein kleines Statement ist: „Den finde ich gut!“. Und dann kann sicher jeder selbst seinen Teil denken.

Und das Trikot, das nun aktuell ganz oben auf dem Stapel vom Lieben Jung liegt, ist das von Bastian Schweigsteiger bei Manchester United. Als treuer Gefolgsmann des FC Bayern hat der Liebe Jung rein gar keine Schwierigkeiten mit dessen Weggang. Er ist überzeugt davon, dass der Kapitän der Nationalmannschaft diese Entscheidung aus freien Stücken getroffen hat und verspürt sogar einen gewissen Stolz – soweit man auf Leistungen Dritter stolz sein darf -, dass erstmals ein Deutscher die Farben Manchester Uniteds trägt. Wie sagte ein befreundeter BVB-Fan: „Schweini ist ein Held!“. Bei Gott, das ist er! Mit seiner leidenschaftlichen Leistung im WM-Finale hat er nicht nur seine Mannschaft, sondern sein ganzes Land mitgerissen. Er darf machen was er will, die Bewunderung vom Lieben Jung wird ihm ein Leben lang sicher bleiben. Es ist so ähnlich wie mit Lothar Matthäus. Man kann ihn mögen oder auch nicht, aber dieser Bursche war für seinen Verein und sein Land da, als sie ihn brauchten. Er hat Jahrzehnte lang die Knochen hingehalten und verdient dafür ewigen Respekt. Ob er nun seine Hauptzeit damit verbringt, jungen osteuropäischen Frauen auf engstem Raum einen Beinschuss zu verpassen, ist seine Sache. So lange er damit niemand anders schadet, ist alles gut.

Das Schweini-Trikot liegt nun hier und es ist Nummer 96 in der Sammlung geworden. Ohne Weiteres hätte sich der Liebe Jung ein Blankotrikot kaufen können, aber das wäre kein Vergleich gewesen. Nicht ansatzweise würde es den Charme haben, den nun diese Kombination versprüht.

Aber, man muss ja Trikots nicht nur für sich selbst kaufen. Sie sind auch ein hervorragendes Geschenk für kleine Menschen, die noch so sind, wie man selbst vor vielen Jahren einmal war. Und es ist ein nahezu gesegnetes Gefühl, wenn man einen kleinen Jungen herumlaufen sieht, mit einem Trikot des FC Bayern und hinten drauf 25 Müller, insbesondere, wenn man selbst dafür verantwortlich zeichnet. Dieser Junge wird ewig wissen, was sein erstes Trikot war und wer Thomas Müller ist. Der Liebe Jung, der das Leben gerne als einen steten Lernpfad und Selbsterfahrungstrip sieht, hat dabei nur zu schnell festgestellt, dass er im Grunde nur Sachen verschenkt, die er selbst auch gerne gehabt hätte. Im Grunde ist es immer etwas vom FC Bayern oder mit Darth Vader als Motiv. Nicht auszudenken, wenn Star Wars und der FC Bayern eine gemeinsame PR-Schiene fahren würden! Um den Lieben Jung und seine finanziellen Reserven wäre es längst geschehen.

An dieser Stelle stand schon eine Ausarbeitung, wie eine mögliche Welt aussehen könnte, in der Darth Vader Fußball spielt.
Welche Position würde er spielen?
Tendenziell ein Sechser oder Achter, mit enormer physischer Präsenz, kompromisslos im Zweikampf, aber auch ordentliche Feuerkraft auf dem Weg nach vorne. Und in jedem Fall ein absoluter Führungspieler, den selbst ein Effenberg morgens fragen würde: „Heute ein oder zwei Stück Zucker, Chef?“
Für welchen Verein würde er kicken?
Vermutlich käme er aus dem Osten und früher oder später würde er bei den Bayern landen. Möglicherweise würde er nach seiner Karriere auch eine Führungsposition im Verein übernehmen. Dies kann man durchaus als Auszeichnung sehen. Diese Sichtweise teilen bestimmt auch viele Bayern-Kritiker in Deutschland, aber das sind dieselben moralisch Verwirrten, die Luke Skywalker die Daumen drücken, wie er versucht seinen körperlich behinderten Vater umzubringen und ihn zusätztlich anstiftet, einen alten gerbrechlichen Mann zu Tode zu stürzen.
Verabscheuungswürdig!
Welche Rückennummer würde er tragen?
Schwierig. Die 6 ist sicher weit vorne, der Position wegen, aber auch als Abkürzung für die 666, die seinem pseudodiabolischen Ruf gerecht werden würde.
Es wäre sicherlich nicht „Rot 5“.

Ganz sicher wäre aber, dass sein Trikot in die Sammlung vom Lieben Jung finden würde.

 

 

Wer ist der Liebe Jung?

Der Liebe Jung wurde im Jahre des zweiten deutschen Fußball-WM-Titels geboren.

Den Großteil seines Lebens hat er in Köln verbracht und seit 2011 führt er sein kurzweiliges Jungesellenleben in München weiter, frei nach dem Motto: „Arbeiten – feiern – FC Bayern“.

Wenn er nicht für kickwelt.de schreibt, arbeitet er im Versicherungswesen, um einen Ausgleich zum kreativen Schreiben zu finden.

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