Oktoberfest vs. Karneval 0:5

Der Kölner in der Münchener Diaspora weiß wesentliche ihm in die Wiege gelegte Charakteristika zu konservieren, gerade so, wie ein fleischgewordenes Einmachglas. Kommunikationsbereitschaft, Offenheit und damit einhergehend eine stetige Bereitschaft zur Geselligkeit wurden ihm über Muttermilch und Karneval früh und regelmäßig nahe gebracht. Nun könnte man sagen, dass dies auch anderen, exotischen Kulturen nicht fremd ist. Und wenn man Bayern als das andere Ende des Spektrums zum Vergleich heranzieht, so stellt man fest, dass die Biergartenkultur sowie das Oktoberfest, oder Wiesn (übrigens immer ohne Apostroph!), wie der Eingeborene sagt, einen absolut vergleichbaren Nährboden für diese Charakterzüge zu bieten scheinen. Im Ansatz ist das sogar der Fall, doch der Liebe Jung kann Euch sagen, dass insbesondere der Vergleich Wiesn vs. Karneval in einem Debakel für die siegesgewohnten Münchener endet, wie man ihn sich an einem Spielwochenende zwischen Bayern und dem FC als Kölner nur erträumt.

Beginnt man den Vergleich, dann haken die Münchener direkt ein, dass man ja Wiesn und Karneval überhaupt nicht vergleichen könne. Das eine sei eine traditionelle Brauchtumsveranstaltung und das andere nichts als eine groß angelegte Party. Au contraire, mes amis! Diese hanebüchende Behauptung gründet sich darauf, dass beim Karnevall Jott un de Weld verkleidet ist, wohingegen der Bayer eine Kleidung anlegt, die früher wirklich verwendet wurde. Natürlich ist es deshalb deutlich traditioneller, wenn die Jungs aus Canberra und Mailand mit Synthetikhosen daherkommen. Überhaupt ist die erste grobe Fehleinschätzung, dass „Verkleidung“ das Brauchtum in Richtung „Party“ verwässert. Zweifelsfrei ist der Feiergedanke beim Karneval sehr groß, aber bei der Wiesn etwa nicht?

Das Brauchtum an und für sich genommen

Wer sind denn überhaupt die Träger des Brauchtums? In Köln würde man sagen, dass es die Karnevalsvereine sind. Dieser Begriff ist mittlerweile Synonym geworden für eine volatile und selten seriöse Gemeinschaft, in der Vetternwirtschaft und Kumpanei im Vordergrund stehen. Karnevalsvereine gibt es seit, sagen wir, Jahrtausenden! Wenn man aber an die Traditionalisten und Organisatoren des Oktoberfests denkt, dann fallen einem nach einigem Überlegen möglicherweise die Wiesnwirte ein. Eine Mischpoke, die nicht weit weg ist von Schrottplatzhändlern, Gebrauchtwagenverkäufern und Zlatan Ibrahimvics Berater Carmine „Mino“ Raiola. Eine Berufsgruppe, deren oberstes Ziel die Profitmaximierung ist und bei der eine rechtskräftige Verurteilung wegen Steuerhinterziehung fast schon als Berufsprädikat herangezogen wird, eignet sich kaum als sinnbildlicher Brauchtumsträger.

Aber vielleicht gibt es ja auch so etwas wie Oktoberfestvereine! Was passiert denn, wenn man nach denen mal googelt? Ehrlich gesagt, nicht viel. Die ersten Einträge gehören dem „Verein gegen betrügerisches Einschenken e.V.“, womit wir indirekt wieder bei den Wiesnwirten wären…

Die Routine

Routine muss ja nicht schlecht sein, aber innerhalb der wiederkehrenden Elemente, die den Menschen Halt geben, ist ein wenig Abwechslung und Dynamik nicht verkehrt. Bei der Wiesn ist es jedes Jahr dasselbe. Dieselbe Lederhose, dasselbe Zelt, dieselbe Holzbank, dieselbe Musik und derselbe ordinär große Liter Bier (dazu kommen wir später noch). Nach fünf Jahren fällt es dem Erzähler unheimlich schwer, die Jahre und Ereignisse der vergangenen Oktoberfeste auseinanderzuhalten. Es gibt kaum Konturen, an denen man die Jahre unterscheiden kann. Lediglich der Facebookdatumsstempel macht eine wasserdichte Zurodnung möglich. Der Karnevalsliebhaber dagegen macht natürlich jedes Jahr ein neues Kostüm. Alleine schon Vorbereitung sowie Abstimmung mit Freunden und Bekannten lässt schon eine Vorfreude auf die 5. Jahreszeit entstehen. Und jeder hat auf der Arbeit diese Gruppe Kolleginnen im besten Alter, die bereits im September das Design des Marienkäfer-, Bienen- oder irgendeines anderen Kostüms angeht, was ihre charmanten Fettpölsterchen kaschiert.

Hier scheint übrigens die Tracht einen Vorteil gegenüber der Karnevalsverkleidung zu haben. „Tracht schmeichelt.“, hört man mituntern, was sagen will: Richtige Mannsbilder mit einem ordentlichen Ranzen vorne dran und auch Grazien, die bei der Dessertplatte gerne ein weiteres Mal zulangen, kommen mit Lederhosen oder Dirndl bestens weg. Andererseits kann man sich auch an Karneval in Tracht schmeißen!

Für einen Zugereisten ist es äußerst schwer, die nuancalen Differenziertheit der einzelnen Zelte zu erkennen. Warum Schützen und Bräurosl total spitze sind und Augustiner und Marstall ziemlich langweilig, ist wohl nur festzustellen, wenn man München als Geburtsort im Pass stehen hat. Fragt man beim Einheimischen nach, dann sind es in der Regel „die Leute“ und „die Musik“, die den Unterschied ausmachen und nicht selten sind es dem nachfolgenden vergleichbare Dialoge, die den Zugereisten so klug als wie zuvor zurücklassen:
„Also ich war im Bräurosl, da war die Band aber nicht so toll. Und das Publikum war sehr jung. So wie fast überall.“
„Wann warst Du denn da?“
„Mittwoch.“
„Ach, Du musst natürlich freitags oder samstags gehen. Da geht da richtig die Post ab. Und nur coole Leute!“
„Ein Bekannter von mir war am Samstag da und der hat dasselbe erzählt.“
„An welchem Samstag war er da?“
„Am mittleren.“
„Ach, der muss am Eröffnungs- oder am Schlusswochenende gehen. Da geht richtig die Post ab. Und nur coole Leute!“

Letztlich ist die Wiesn als Partyveranstaltung völlig ungeeignet. Der Konflikt entsteht dadurch, dass gerade bei der Feierei kommerziell am meisten für die Wirte hängenbleibt. Aber im Grunde ist der Widerspruch zwischen gemütlicher Biergartenkultur und dem verzweifelten Versuch, Action zu erzeugen schon programmiert, in dem ich auf die Bierbbank steige, wenn Helene Fisches Atemlos läuft und man dabei in einem Radius von 35 cm die Hüfte nach links und rechts bewegt.

Und die Musi spuit a am Schmaarn

Die Musik ist tatsächlich das ganz entscheidende Kriterium. Musik ist nämlich identifikationsstiftend, wie wir wissen. In der Kirche wird gesungen und der Glaube an Gott wird gefestigt, in der Südkurve wird gesungen und die emotionale Bindung an den FC Bayern ist stärker (interessanter Vergleich, fällt mir gerade beim Tippen auf), man singt der großen Liebe ein Lied und sie verfällt einem, der Kölner singt über seine Stadt und es ist für ihn der schönste Fleck auf der Welt.

Die Kanevalsmusikkultur hat dadurch einen Evolutionssprung erlebt, dass, nicht wie die vorangegangenen 200 Jahre, nur die „Big 3“, Bläck Fööss, De Höhner, Brings, den Kuchen unter sich verteilten, sondern, dass nunmehr eine neue junge Generation an Bands empor kommt und dem ganzen eine neue Vitalität einhaucht. Die Bands bringen jedes Jahr neue Lieder raus und hoffen, dass den kommenden Sessionshit landen. Dazu dienen auch Veranstaltungen wie „Loss mer singe“, die auf basisdemokratische Art das Volk entscheiden lassen, was denn das schönste Lied wird. Querbeat, Kasalla, Klüngelköpp oder auch das Revival der Paveier sorgen dafür, dass jede Session ein wenig unverwechselbar ist.

Ja, und die Wiesn?

Seit etwa dem 30-jährigen Krieg ist Helene Fischers „Atemlos durch die Nacht“ so etwas wie ein Wiesnevergreen. Songs, die ebenfalls zur Hochstimmung in den Zelten beitragen:
Micki Krause – Schatzi schenk mir ein Foto
Tim Toupet – So ein schöner Tag (Fliegerlied)
Markus Becker – Das rote Pferd
DJ Ötzi – alles
Hermes House Band – alles und noch mehr
Peter Wackel – Ladioo (gerne auch die BVB-Variante)
Lynard Skynard – Sweet Home Alabama
John Denver – Take me Home Country Roads
Queen – We are the Champions
Robbie Williams – Angel

Merkt Ihr was? Wo in Dreiherrgottsnamen sind die Lieder über München und in bayerischer Mundart?!

Nun, die kommen aus Österreich, was auch nicht schlimm ist, denn Österreich, speziell Tirol, und Bayern, das ist fast eins. Möglicherweise liegt es auch daran, dass sich Wiesn so ähnlich wie die österreichische Hauptstadt schreibt. Wenn Peter Cornelius „Du entschuldige i kenn di“ oder Reinhard Fendrichs „Weu’sd a Herz hast wie a Bergwerk“, dann ist das wirklich schön – ohne jede Einschränkung, aber neben Spider Murphy Gang und EAV ist da nicht viel mehr. Und am Ende des Tages unterscheidet sich die Playlist kaum von der im Kuhstall in Sölden, wobei der Münchener einwenden wird: „Ach, ganz anders. Da muss Du zur Saisoneröffnung hin. Nur super Musik. Und coole Leute!“

Der Kölner als Chemielaborant

„Ihr trinkt dich da aus Reagenzgläsern!“ hallte es einem regelmäßig entgegen, wenn man einer bayerischen Männerrunde eröffnet, dass man aus Köln kommt. Ja, tun wird. Und um ehrlich zu sein, es ist super! Es gibt eine große Wahrheit im Leben: Ein Kölsch geht immer noch. Im Grunde gibt es keine Ausrede, nicht noch ein weiteres letztes Kölsch zu nehmen, denn es ist ja nur so wenig. Dagegen die Mass ist ein Monster, das man als junger Mensch noch als Herausforderung sieht und sich damit brüstet, wie viele man getrunken hat. Übrigens ein ganz wesentliches Kriterium beim Bierkonsum der Bayern. Es wird stets mitgezählt, wie viel man trinkt und man weiß dann, wie betrunken man ist. Funktioniert bei Kölsch irgendwann nicht mehr, und dann kommen die Bajuwaren an und sagen „Dieses Kölsch, das unterschätzt man!.“.

Kommt man mit Jahren zu einer vermeintlichen Reife, dann ist die Menge des Konsums nicht mehr entscheidend. Ein stets frisches Bier ist einem wichtiger. Und man geht auch nie an die Theke, um nur ein Kölsch zu ordern, selbst wenn man alleine in der Kneipe ist! Könnt ja noch jemand kommen, den man kennt oder man lernt einfach noch jemanden kennen. Die Tatsache, dass man mit rund 15 EUR bis zu elf Menschen vollends glücklich machen kann, in dem man einen Kranz bestellt, das ist in Sachen Geselligkeit unheimlich wertvoll. Meist kommt es direkt zurück und noch ehe die eigene Runde ausgetrunken ist, fliegt schon der nächste Kranz an.

Glaubt es oder auch nicht, aber kleine Gläser sind viel besser und Karneval ist auch schöner!

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