Ausgehoppelt

Dass die Kolumne nicht wie seit einiger Zeit seit Montag online ist / war, hatte ein guten Grund: Ostermontag. Nicht, dass ich etwa an einem Feiertag nicht arbeite, aber für (Sport-)Journalisten haben Feiertage eine andere Definition. Ich für meinethalben hatte am Samstag bereits Feiertag, als ich in der Allianz-Arena erlebt habe, wie der FC Bayern, oder sollte ich besser schreiben, wie Claudio Pizarro den einst so ruhmreichen Hamburger SV zerlegt hat. Das war für den neutralen Berichterstatter besonders vor Ort, ein absolutes Highlight. Nein, ich wollte erst am Dienstag online gehen, damit auch nur keiner lange grübeln muss, was ist jetzt wahr und was nicht wahr. Was ist Aprilscherz, was nicht.

Wie ich dann am Dienstag im kicker lese haben sich die Kollegen auch nicht so richtig getraut, dass was sie wohl am 1. April erfahren haben gleich als absolute Wahrheit zu verkaufen. Aber: Wer kommt auch schon darauf, dass die TSG 1899 Hoffenheim schon wieder den Trainer rausschmeißt. Und nicht nur das, wie beim letzten Mal schon: Auch der Manager muss gehen. Zuletzt traf es mit Markus Babbel nur eine Person, dieses Mal trifft es mit Marco Kurz und Andreas Müller gleich zwei. Es ist schwer aus der Distanz zu beurteilen, was zum Beispiel alles Andreas Müller als Manager geleistet hat. Es kann ja eigentlich nicht nur dass Missmanagement um Tim Wiese gewesen sein. Oder?

Diesen größten Irrtum der Vereinsgeschichte, die ja, das betonen sie ja immer so gerne in Hoffenheim, doch schon eine ganz lange ist, hat ja Markus Babbel begangen. Darüber haben alle, auch ich, schon viel geschrieben. Nun, ausbaden mussten es Kurz und Müller.
Was sonst öffentlich von den beiden wahrzunehmen war, waren viele Rechtfertigungen und Floskeln, die ein jedes Phrasenschwein zum Platzen gebracht hätten. Aber noch mal: Was Marco Kurz auf dem (Trainings-)Platz gelei(s)tet hat, kann ich nicht beurteilen.
Ich war nie dabei. Seine sportliche Bilanz kann allerdings jeder an der Tabelle ablesen, seine Handschrift war in keinem der Spiele zu erkennen. Aber: Lag das nicht auch an dieser Mannschaft, an diesem zusammen gewürfelten Haufen, an dieser Mannschaft, die es an Charakter, Willen und Leidenschaft in jedem Spiel mangeln ließ? An einer Mannschaft, die den Eindruck machte, ihr ist es so egal, was mit ihr und dem Verein passiert?

Ein Offenbarungseid auf Beinen – nichts anderes ist der Tabellensiebzehnte. Das erneute Ziehen der Reißleine, wird sicher nett begründet und auch fachlich untermauert nach außen verkauft werden. Aber spätestens jetzt zeigt sich: Das Modell Hoffenheim hat sich erledigt. Nach Ostern hat nicht nur der Osterhase Feierabend, sondern auch 1899 hat ausgehoppelt“.
Es ist zwar wahrlich kein Einzelfall, dass der Trainer und das Management gleich zweimal gewechselt werden in einer Saison. Es gibt aber nur wenige Einzelfälle in denen das noch zu Erfolg geführt hat. Im Vorjahr gab es einen Verein, der auch all das praktiziert hat.
Die Quittung lautete damals: Direkter Abstieg und alles auf Null stellen. Die Rede ist natürlich vom 1. FC Köln, dem Verein, der seit dem vergangenen Wochenende den Aufstiegsrelegationsplatz in der Zweiten Liga belegt. Ob das Hoffenheim Mut macht? Vielleicht für die kommende Saison. Für diese Saison ist der Zug abgefahren.

Nicht nur, dass kein Mensch mehr an die (in)direkte Rettung glaubt, sondern es wünscht sich auch keiner. Ich glaube es wird sogar so sein, dass alle Kölner, zumindest die, die Vereinsliebe nicht mit provinzieller Engstirnigkeit verwechseln, am 28. Spieltag dem rheinischen Nachbarn, Fortuna Düsseldorf, die Daumen drücken werden. Ein Sieg des Aufsteigers und der Abstieg des einstigen Vorzeigeklubs rückt näher. Die einzige Chance, die 1899 Hoffenheim noch hat, um sich selbst zu erneuern. Dass auch das kein Selbstläufer werden wird, müssen sie schnellstens begreifen. Denn es gibt genug mahnende Beispiele, wo es auch für Vereine, die einst den Durchmarsch von ganz unten nach ganz oben wieder genauso schnell retour ging. Erinnern wir uns zum Beispiel an Wattenscheid. Auch da gab’s mit Steilmann einen Sponsor, auch da ging’s nach ganz oben und dann in die absoluten Tiefen.

Ich weiß, der Vergleich hinkt, das wiederum beinhaltet allerdings jeder Vergleich, ich hätte auch noch ein paar andere Clubs aufzählen können, aber bei allen Beispielen, die mir sonst noch einfallen, schwingt eins nicht mit: Schadenfreude und Häme. Ich persönlich kenne keinen Fußballfan, egal welcher Coleur, der jetzt auch nur einen Deut Mitleid mit Hoffenheim hat. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch nie in Sinsheim im Stadion war und zu meiner Zeit bei „premiere“ Hoffenheim noch in der Regionalliga spielte. Mit Sicherheit hat es natürlich auch mit Dietmar Hopp zu tun. Den kenne ich sogar persönlich und vor dessen Lebenswerk und Leistung habe ich die absolute Hochachtung und ich finde auch nicht, dass er es verdient hat, jetzt als Alleinschuldiger hingestellt zu werden. Sein größter Fehler ist sicherlich der, dass er sich auf die falschen Leute verlassen hat. Ein Trost ist das sicherlich nicht.

Und dass der Name Hopp alleine als Erfolgsgarant gilt, musste die Familie an diesem Wochenende gleich auch noch in einer anderen Domäne erfahren: Die Adler Mannheim, Eishockeyclub im Besitz von Hopp-Sohn Daniel, fliegen im Playoff-Viertelfinale als Tabellenerster gegen den Tabellenzehnten der Vorrunde, die Grizzly Adams Wolfsburg, raus. Ein eishockeyhistorisches Ereignis, das sicherlich ebenfalls viele jubeln lässt. Und auch hier aus gutem Grunde: Trainierten die Mannheimer doch in Playoff-Zeiten mit einem T-Shirt auf dem fettgedruckt stand „Ten to go“. Und jetzt? Jetzt heißt es auch beim Eishockey: Ausgehoppelt“.

Überheblichkeit und Arroganz sind ganz schlechte Berater. Und auch deshalb bleibt das 9:2 der Bayern gegen Hamburg ein unvergessenes Highlight: Keiner machte sich nachher lustig über den HSV, nix von „Mia, san mia“ oder anderer Überheblichkeit. Und das war sicherlich nicht nur Juventus Turin geschuldet.

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