Biedermann, geh du voran!

Na also, von wegen die Bundesliga ist schon entscheiden und der FC Bayern kann die Meisterschale schon polieren und der VfL Wolfsburg den Antrag stellen, dass es auch die Intercitys nach Aue im schicken ICE-Bahnhof der Autostadt halten. Alles ist wieder offen. Wenn es nach unseren Freunden von der Bild-Zeitung geht sogar mehr als das, dann kriegen die Bayern nämlich das Nervenflattern und die Wolfsburger den Höhenkoller. Ersteres halte ich für beinahe ausgeschlossen, zweites wird eine Definitionssache sein.

Fakt aber ist: Wir können uns bedanken, bei Bayer Leverkusen, dass das erste Mal seit Ewigkeiten (nein, ich komme jetzt nicht wie alle Portale und Zeitungen mit der DDR und Helmut Kohl) in München gewonnen hat und, dass das erste mal seit zehn, zwölf Jahren, nahezu die gesamte (Fußball-) Nation beglückt. Und so ganz nebenbei durch diesen Überraschungssieg auch wieder ein bisschen herauskommt aus der grauen Mausecke, in die nicht nur die Süddeutsche Zeitung die Werkskicker erst in der Vorwoche steckte.
Viele benutzten Bayer ja zuletzt als Synonym für bieder, um es noch nett zu formulieren. Also Danke Bayer, aber denkt dran: Ihr habt nicht nur uns, den (neutralen) Beobachtern und den Nicht-Bayernfans einen Gefallen getan, sondern auch euch selbst.

Liebe Bayernfans, bevor ihr jetzt aufschreit und meint, hier schreibt einer, der eurem Club nicht gewogen ist, auch ihr solltet euch freuen. Klingt blöd, ich weiß, wer freut sich schon über eine Niederlage. Fragt mal nach bei Joachim Löw und der hat mit der Nationalmannschaft nicht mal verloren, aber es ist doch so: Die Niederlage der Bayern macht nicht nur die Liga wieder ein bisschen offener, nein, die Niederlage der Bayern zeigt auch, dass der gut besetzte Rekordmeister die Schale nicht im Schongang holen kann/wird. Es bleibt also nicht nur Hoffnung für die vermeintlichen Jäger, sondern es bleibt Arbeit für Jupp Heynckes und Co. Der wird sich selbstredend nicht über die Niederlage freuen, aber er wird sich auch nicht so sehr darüber grämen. Das spart Arbeit.

Ich glaube genau das, denkt sich auch Matthias Sammer. Wer jetzt davon spricht, dass der Sportdirektor sein Pulver verschossen hat, wie Jens Lehmann meint, der hat das System und den Menschen Sammer nicht verstanden. Das gleiche gilt für Kollegen, die meinen, Sammer wäre abgetaucht. Warum soll er sich hinstellen, nach einer – alles anderen als haushohen Niederlage oder gruseligen Leistung – und drauf hauen? Wie geschrieben, wer das meint, der hat Sammer nicht verstanden. Der meldet sich erst wieder kritisch zu Wort, wenn der FC Bayern voller Glanz in die nächste Pokalrunde eingezogen ist und am Wochenende den Hamburger SV im gefühlt ersten Topspiel am Samstag um 18.30 Uhr mit 5:0 besiegt.

Antizyklisch agieren, das war schon das Motto (und auch Erfolgsrezept) von Uli Hoeneß. Der hat – nach dem er erst bei Günter Jauch die Politik geschüttelt und gerüttelt hat, in der Vorwoche dann endlich auch einen der wichtigsten Manager des Landes wach bekommen.
Martin Winterkorn, der VW-Chef und damit ja auch gleichzeitig die Nummer 1 bei dem Fußballverein, den zuletzt ja nicht mal mehr die eigenen Fans mochten, musste endlich hinschauen und sich eingestehen, dass es das tatsächlich gibt und sich in Partien, die er im Stadion verfolgt hat, abspielte: Ein Team kann tatsächlich gegen den Trainer spielen.

Es ist ein bisschen erstaunlich, dass Winterkorn und Co nicht selber darauf gekommen sind und den Hinweis aus dem Süden brauchten. Oder wollten sie es nicht sehen, die Mächtigen beim VfL, dass die Rückholaktion von Felix Magath gescheitert ist. Der Magier hat einmal zum VfL gepasst, aber das ist lange her. Genau gesagt drei Jahre.

Wenn du einen (?) Zauberer auf dem Rasen hast, brauchst du nicht noch einen auf der Bank. Da hilft dann eher die bodenständige Version. Und deshalb ist für mich Lorenz-Günther Köstner auch genau der richtige. Um Missverständnissen direkt entgegen zu wirken, der derzeitige Trainer des VfL Wolfsburg ist einer, den ich mehr als schätze, einer der wenigen, zu dem ich seit Jahren auch privaten Kontakt pflege, was ich sagen will: Du brauchst in einem Verein, dessen Sponsor Volkswagen – bitte ausnahmsweise mal im Wortsinne verstehen – herstellt niemanden, der eher für Luxus-Karossen steht. Oder noch anders formuliert: Du brauchst keinen, der selber gern Champagner trinkt und den Spielern das Wasser ausschüttet.
Du brauchst einen ehrenwerten und rechtschaffenen Mann, das was der Duden spöttisch als Biedermann bezeichnet und der keinesfalls mit dem Biedermann aus dem Drama von Max Frisch gleich zu setzen ist. Der verschließt ja bekanntlich die Augen vor der Realität, das trifft/traf dann doch eher auf Felix Magath denn auf Lorenz Köstner zu.

GD Star Rating
loading...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*