Dann doch lieber einen Sack Reis

Die Zeiten als Werder Bremen verbale Giftpfeile Richtung Bayern München geschossen hat, ist lange, lange vorbei. Viele können sich vielleicht gar nicht mehr daran erinnern. Vielleicht sogar der ein oder andere Kolumnenleser gar nicht mehr, nicht etwa, weil bei ihm die Altersdemenz eingesetzt hat, sondern weil er noch zu jung ist. Schließlich sind die Zeiten wirklich lange vorbei. Wenn es in jüngster Zeit etwas aus Bremen Richtung Bayern gab, dann eine große Schleife um Claudio Pizarro oder sanftes Flehen um Nils Petersen. Am Wochenende werden sie noch einmal sehnsüchtig nach München geschaut haben.

Nicht etwa, weil der Deutsche Rekordmeister seinem Beinamen im Moment alle Ehre macht und jede Woche neue Bestmarken aufstellt, auch nicht weil die Bayern auf der Bank / Tribüne / Reha ein Team haben, was locker in der Ersten Liga vor der ersten Elf von Bremen platziert wäre, auch nicht weil die Bayern mit Tom Starke einen Ruhepol als Ersatztorwart haben, der Werders Wackeldefensive sicher mehr Stabilität gegen würde,
als der bemitleidenswerte Sebastian Mielitz.

Nein, so einen schönen – sinnfreien – Chinakrach, den hätten sie sicher gern in Bremen. Das würde ablenken von all den Problemen, die momentan existieren. Und – wenn nicht Thomas Schaaf, wer sonst könnte so einen Kracher zünden? War und ist das Bremer Urgestein nicht der Erfinder der Raute und/oder der flachen Sechs?
Ich will nicht schon wieder von den Älteren schreiben, aber zu Zeiten von Torsten Frings, war das immer das zentrale Thema. Ob im Vorgespräch mit dem Coach oder im anschließenden Trainergespräch ging´s meist um diese taktische Variante. Nicht nur, aber immer öfter. Und noch öfter begleitet von einem breiten Grinsen. Manchmal wissend, manchmal überheblich, manchmal nicht einzuordnen.

Auch dadurch, wurde Thomas Schaaf zu einer Marke. Der legitime Nachfolger
von Otto Rehhagel. Als Coach mit einem Dauerauftrag, als Trainer mit dem
Unantastbar-Nimbus, als Erneuerer und Modernisierer. Spieler, Publikum, Journalisten und sonstige Experten lobten das, was Thomas Schaaf auf und neben dem (Trainings-)Platz bewegte. Wenn es in jüngster Zeit nicht so lief, wie es lange früher lief, gab es zwar auch schon mal Kritik, aber die perlte entweder an Thomas Schaaf ab oder er bekam sie erst gar nicht ab, sondern alle Kritiker fielen über Manager Klaus Allofs her. Ob der vielleicht auch deshalb irgendwann die Nase voll hatte und das Weite suchte?

Wobei das Weite in dem Fall ja bekanntlich ziemlich nah ist. Nah nicht nur auf der Landkarte, sondern auch in der aktuellen Bundesligatabelle. Aber, das ist ja nicht das Thema hier. Immerhin hat der VfL Wolfsburg in der vergangenen Woche einen taumelnden Drittligisten aus dem Pokal geworfen und es Dieter Hecking mit seinen Wünschen („Wir wollen den Pokal gewinnen“) geschafft, Jupp Heynckes zu ärgern,  bevor der überhaupt nur ahnen konnte, dass er im Halbfinale die Antwort auf dem Platz geben kann, reagierte er so wie auf die Plagiatsvorwürfe, ziemlich angefasst und beinahe empört.
Immerhin, dass hat Klaus Allofs beim neuen Verein dem alten voraus und – wie erwähnt, die Schelte trifft nicht mehr ihn. Entweder wird Vorgänger Felix Magath abgewatscht oder eben Dableiber Thomas Schaaf. Nach der Niederlage gegen Augsburg sogar von den eigenen Fans. Bis vor kurzem wäre das für alle eine Majestätsbeleidigung gewesen.
Jetzt nur noch für den Teil der Fans, die nach wie vor zu Thomas Schaaf stehen und sich sogar für ihn prügeln, wenn das alles stimmt, was ich so höre und lese.

Fakt ist auf alle Fälle: Ich finde nirgendwo im Pressespiegel einen Kommentar der den einst Unantastbaren nicht – zumindest in Teilen – in Frage stellt. Manches liest sich gar wie eine Aufforderung zum Anfertigen von „Schaaf-Raus-Plakaten“. Da ist von unmodernem Training die Rede, natürlich hinter vorgehaltener Hand, und von einem wackelnden Denkmal, das selber sagt: „Unbefriedigend, dass wir keine Veränderung in der Qualität hinbekomen“.
Drei Niederlagen in Folge lösen aber nicht nur eine Trainerdiskussion aus, sondern da werden auch Erinnerungen wach, an das, was alle Jahre wieder in der Liga passiert: Am Ende steigt eine Mannschaft ab, die selbst an Weihnachten noch keiner auf dem Zettel gehabt hat.

Es wäre mehr als schade um Werder Bremen, denn schließlich zeigt sich gerade in den ganzen Schlagzeilen und Kommentaren, der Verein war und ist etwas Besonderes.
Und – er interessiert doch mehr als der vielzitierte und wahrscheinlich mehr als drei Euro teure Sack Reis in China. Gerade dann, wenn das, was es in China, nicht nur laut Jürgen Klopps Meinung, noch massenweise gibt, statt in der verbalen Eskalation im verspäteten Valentinstag endet.

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